Atlas der Sprachen

Sprachen der Antike

Elam und Urartu

Südwestiran und Armenisches Hochland · von den protoelamischen Tafeln bis zur persischen Verwaltung

Elamisch und Urartäisch sind weder semitische noch indogermanische Sprachen, und sie sind auch nicht miteinander verwandt. Im Südwesten Irans entstanden eigene Schriften; die älteste von ihnen ist bis heute nicht entziffert, und es ist nicht sicher, dass sie Elamisch wiedergab. Später schrieben die Elamer in der aus Mesopotamien übernommenen Keilschrift, und noch die Beamten der persischen Könige führten ihre Aufzeichnungen auf Elamisch. Die Urartäer am Vansee übernahmen die Keilschrift von den Assyrern und hinterließen Inschriften an Felswänden, auf Stelen und an Festungen; eine von ihnen berichtet von der Gründung der Stadt, aus der Jerewan hervorging.

Außerhalb der großen Sprachfamilien

Die meisten Sprachen des Alten Orients, die wir aus schriftlichen Quellen kennen, gehören zwei großen Familien an: der semitischen (Akkadisch, Aramäisch, Hebräisch) und der indogermanischen (Hethitisch, Altpersisch). Daneben sprach man jedoch auch Sprachen, die zu keiner der beiden gehören. Die bekannteste ist das Sumerische (siehe die Seite über Mesopotamien); zwei weitere behandelt diese Seite: das Elamische aus dem Südwesten Irans und das Urartäische aus dem Armenischen Hochland. Sie sind nicht miteinander verwandt, und beide kennen wir vor allem deshalb, weil ihre Sprecher die mesopotamische Keilschrift übernahmen.

Elam lag in den heutigen iranischen Provinzen Chuzestan und Fars, im Tiefland um Susa und im Hochland um Anšan. Elamische Texte reichen vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis zum Ende des persischen Achämenidenreichs im 4. Jahrhundert v. Chr. Urartu war ein eisenzeitliches Königreich um den Vansee, in der heutigen Osttürkei, in Armenien und im Nordwesten Irans; seine Inschriften stammen aus dem 9. bis 7. Jahrhundert v. Chr.

Die Zikkurat von Tschogha Zanbil (Chuzestan, Iran), erbaut unter König Untaš-Napiriša, mit den Resten der umliegenden Gebäude.
Die Zikkurat von Tschogha Zanbil (Chuzestan, Iran), erbaut unter König Untaš-Napiriša, mit den Resten der umliegenden Gebäude. Foto: Bazras55, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Elam: Tiefland und Hochland

Susa gehört zu den ältesten Städten der Region; nach Radiokarbondaten begann die Besiedlung dort um 4200 v. Chr. Der Name Elam selbst ist mesopotamisch (sumerisch elam, akkadisch elamtu); die Elamer nannten ihr Land Haltamti, in der Linearschrift Hatamti. Die elamische Geschichte ist größtenteils aus mesopotamischen Quellen bekannt und wird in eine alt-, mittel- und neuelamische Zeit gegliedert. Elam entstand aus einem Zusammenschluss kleinerer Hochlandstaaten (Awan, Šimaški, Anšan) mit dem Tiefland um Susa, das zwischen Elam und den mesopotamischen Reichen hin- und herwechselte.

Elamische Könige griffen wiederholt in die Angelegenheiten Mesopotamiens ein. Um 2004 v. Chr. eroberten sie Ur und führten dessen letzten König, Ibbi-Sin, in die Gefangenschaft. Im 12. Jahrhundert v. Chr. plünderte Šutruk-Naḫḫunte I. die Städte Babyloniens und brachte unter anderen Trophäen die Stele mit den Gesetzen Hammurapis nach Susa; französische Archäologen fanden sie dort 1901. Der assyrische König Assurbanipal verwüstete Susa um 646 v. Chr. und rühmte sich in einer Inschrift, er habe das Land Elam mit Salz bestreut. Elamische Fürstentümer bestanden fort, doch um die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. war Susa Teil des Perserreichs geworden.

Die Hügel der Königsstadt (links) und der Akropolis (rechts) in Susa, vom Apadana-Hügel aus gesehen.
Die Hügel der Königsstadt (links) und der Akropolis (rechts) in Susa, vom Apadana-Hügel aus gesehen. Foto: Pentocelo, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Die protoelamische Schrift

Die älteste Schrift Irans wird als protoelamisch bezeichnet. Sie war nur kurze Zeit in Gebrauch, ca. 3100–2900 v. Chr., etwa zur Zeit der frühesten protokeilschriftlichen Tafeln aus Uruk in Mesopotamien, mit denen sie vieles gemeinsam hat: Tontafeln derselben Form, dieselbe Art der Beschriftung und denselben Zweck der Buchführung. Die Zeichen sind jedoch andere. Bekannt sind rund 1600 Tafeln; die große Mehrheit stammt aus Susa, andere aus Anšan (Tall-e Malyan), Tepe Yahya, Tepe Sialk und einigen weiteren Fundorten bis in den Osten Irans.

Die Schrift ist bis heute nicht entziffert. Die Zahlen lassen sich lesen, weil sie denen auf mesopotamischen Tafeln ähneln, sodass der Inhalt vieler Texte bekannt ist: Es handelt sich um Abrechnungen, etwa Zählungen von Ziegen und Schafen. Neben einem Sexagesimalsystem verwendeten die Schreiber auch ein Dezimalsystem. Von den übrigen Zeichen gibt es mehr als tausend, und die meisten standen wahrscheinlich für ganze Wörter. Ob die Schreiber Elamisch sprachen, ist unbekannt, da Aufzeichnungen dieser Art fast nichts über die Sprache verraten. Seit 2012 stellt Jacob Dahl von der Universität Oxford Fotografien der Tafeln online, damit sich andere Forscher an der Entzifferung beteiligen können. 2022 schlug François Desset vor, einige protoelamische Zeichen mit den Lautwerten zu lesen, die er dem Linear-Elamischen zugewiesen hatte; die meisten Fachleute, darunter Dahls Team, haben den Vorschlag nicht übernommen.

Eine protoelamische Tontafel aus Tepe Yahya in der Provinz Kerman, um 3000 v. Chr. Die runden und länglichen Eindrücke sind Zahlen; daneben stehen Zeichen der protoelamischen Schrift. Nationalmuseum des Iran, Teheran.
Eine protoelamische Tontafel aus Tepe Yahya in der Provinz Kerman, um 3000 v. Chr. Die runden und länglichen Eindrücke sind Zahlen; daneben stehen Zeichen der protoelamischen Schrift. Nationalmuseum des Iran, Teheran. Foto: Darafsh, CC BY 3.0, Wikimedia Commons
Silberfigur eines knienden Stiers, der ein Tüllengefäß hält, protoelamische Zeit (ca. 3100–2900 v. Chr.). Metropolitan Museum of Art, New York.
Silberfigur eines knienden Stiers, der ein Tüllengefäß hält, protoelamische Zeit (ca. 3100–2900 v. Chr.). Metropolitan Museum of Art, New York. Foto: Sajjadi Livejournal, CC BY 2.0, Wikimedia Commons

Linear-Elamisch

Mehrere Jahrhunderte jünger ist das Linear-Elamische, bekannt aus einer kleinen Zahl von Inschriften auf Stein, Ton und Silberbechern; eine Bestandsaufnahme von 2021 zählt 51 Texte und Fragmente. Die bekanntesten stammen aus der Regierungszeit König Puzur-Inšušinaks (dessen Name früher Kutik-Inšušinak gelesen wurde), der im späten 22. Jahrhundert v. Chr. in Susa herrschte. Die Schrift wurde neben der Keilschrift verwendet und gab das Elamische wieder. Ob sie sich aus der protoelamischen Schrift entwickelte, ist umstritten.

Die ersten Schritte zur Entzifferung ermöglichte die zweisprachige „Table au lion“ im Louvre, die auf Akkadisch und in Linear-Elamisch beschriftet ist. Mithilfe des akkadischen Textes fanden Ferdinand Bork (1905) und Carl Frank (1912) darin die Namen des Gottes Inšušinak und des Königs Puzur-Inšušinak, wodurch neun Zeichen mit hinreichender Sicherheit bestimmt waren. Danach kam die Forschung lange nicht voran.

Einen Durchbruch verkündete der französische Archäologe François Desset. Auf Silberbechern aus einer Privatsammlung, die erst kurz zuvor bekannt geworden waren, erkannte er wiederkehrende Zeichengruppen als die Namen der Könige Šilhaha und Ebarat sowie des Gottes Napiriša, ähnlich wie einst Grotefend beim Altpersischen. 2020 gab er bekannt, dass er und ein internationales Team alle bekannten Inschriften gelesen hätten, und 2022 veröffentlichte das Team die Entzifferung. Nach Ansicht der Autoren ist die Schrift phonetisch und verwendete Zeichen für ganze Wörter nur gelegentlich, wenn überhaupt. Sie wurde von Assyriologen wie Manfred Krebernik, Matthew Stolper und Piotr Steinkeller begrüßt. Andere, etwa der Linguist Michael Mäder, sind zurückhaltender: Sie halten etwa ein Drittel der Zeichen für Wortzeichen und warten auf ausführliche Übersetzungen der Texte. Die Entzifferung ist daher nur teilweise anerkannt.

Die „Table au lion“ König Puzur-Inšušinaks aus Susa, beschriftet in akkadischer Keilschrift und in Linear-Elamisch, auf einer frühen von Vincent Scheil veröffentlichten Fotografie. Louvre, Paris (Sb 17).
Die „Table au lion“ König Puzur-Inšušinaks aus Susa, beschriftet in akkadischer Keilschrift und in Linear-Elamisch, auf einer frühen von Vincent Scheil veröffentlichten Fotografie. Louvre, Paris (Sb 17). Foto: Jean-Vincent Scheil, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Elamische Keilschrift und elamische Sprache

Neben ihren eigenen Schriften übernahmen die Elamer die Keilschrift aus Mesopotamien. Der früheste bekannte elamische Text in Keilschrift ist ein Vertrag zwischen dem akkadischen König Naram-Sin und einem elamischen Herrscher aus der Zeit um 2250 v. Chr.: „Der Feind Naram-Sins ist mein Feind, der Freund Naram-Sins ist mein Freund.“ Die elamischen Schreiber vereinfachten das System erheblich. In jeder Epoche verwendeten sie nur etwa 130 Zeichen, über die gesamte Geschichte der Schrift sind 206 belegt; die meisten sind Silbenzeichen, während Wortzeichen allmählich häufiger wurden. Die Schrift unterschied Vokale oft nicht, und Zeichen wie tir oder tar dienten vor allem dazu, zwei Konsonanten zu schreiben.

Elamisch ist eine agglutinierende Sprache, die Wörter aus einer Wurzel und einer Kette von Suffixen bildet. Eine Besonderheit ist eine Reihe von Suffixen, die an Substantiven die Person kennzeichnen: sunki-k bedeutet „ich, der König“, sunki-r „(er,) der König“, sunki-p „Könige“. Dieselben Suffixe werden auf Attribute übertragen, sodass „ich, der König von Elam“ u sunki-k Hatamti-k lautet. Das Verb steht in der Regel am Satzende. Die mittelelamische Zeit (ca. 1500–1000 v. Chr.) gilt als die klassische, am besten belegt ist jedoch das Achämenidisch-Elamische aus der Zeit der persischen Könige.

Nach herrschender Auffassung ist das Elamische eine isolierte Sprache ohne nachweisbare Verwandte. Der bekannteste Versuch, es anzuschließen, die elamo-drawidische Hypothese, die das Elamische mit den drawidischen Sprachen Indiens und mit dem Brahui in Pakistan verbindet, wurde seit den 1970er-Jahren von dem amerikanischen Linguisten David McAlpin entwickelt. Die meisten Linguisten lehnen sie ab; eine ausführliche Überprüfung kam 2023 zu dem Ergebnis, dass die vorgeschlagenen Wortgleichungen entweder in ihrer Bedeutung unsicher oder so kurz sind, dass es sich um zufällige Ähnlichkeiten handeln könnte. Auch Vorschläge einer Verbindung mit den semitischen Sprachen haben keine Zustimmung gefunden.

Ausgewählte Zeichen

  • DIŠDeterminativ vor einem Personennamen
  • anSilbe; als Determinativ steht es vor einem Götternamen
  • KURDeterminativ vor dem Namen eines Landes
  • suSilbe
  • unSilbe
  • kiSilbe, im Elamischen auch ke
  • ikSilbe (das Zeichen IG)
  • biSilbe
  • aVokal
  • iVokal
  • niSilbe
  • liSilbe

su-un-ki-iksunki-k „ich, der König“ (mittelelamisch)

Diese Lautwerte gelten sowohl in der elamischen als auch in der urartäischen Keilschrift. Die Zeichen sind in einer Standard-Unicode-Schrift mit mesopotamischen Formen wiedergegeben; auf elamischen und urartäischen Denkmälern sahen sie etwas anders aus. Der urartäische Name des Landes, Biainili, wurde 𒆳𒁉𒀀𒄿𒉌𒇷 geschrieben (KUR bi-a-i-ni-li; KUR ist das Determinativ für ein Land). Die elamische Keilschrift kam mit einem viel kleineren Zeichenbestand aus als die akkadische, deren Schreiber mehrere hundert Zeichen kannten. Weder Protoelamisch noch Linear-Elamisch sind bisher in Unicode enthalten (ein Antrag auf Kodierung des Protoelamischen wurde 2023 eingereicht), daher zeigen sie nur die Fotografien.

Tschogha Zanbil

Etwa 30 km südöstlich von Susa ließ König Untaš-Napiriša eine neue heilige Stadt errichten. Auf Elamisch hieß sie Al Untaš-Napiriša, später, in assyrischen Quellen, Dur Untaš, „Stadt des Untaš“; ihr heutiger persischer Name, Tschogha Zanbil, wird meist mit „Korbhügel“ übersetzt. Die Daten seiner Regierung sind unsicher, und der Bau fällt in das 14. oder 13. Jahrhundert v. Chr.; 1250 v. Chr. ist das konventionelle Datum. Im Zentrum dreier konzentrischer Mauern steht eine Zikkurat, die vor allem dem Gott Inšušinak geweiht war, eine der wenigen Zikkurats außerhalb Mesopotamiens und nach Angaben der UNESCO das am besten erhaltene Bauwerk seiner Art. Ihre Grundfläche maß etwa 105 × 105 m, ihre ursprüngliche Höhe etwa 53 m; heute ist sie knapp 25 m hoch.

Die Zikkurat ist aus Lehmziegeln errichtet und mit gebrannten Ziegeln verkleidet, und jede elfte Ziegellage trägt eine Inschrift. Die Archäologen fanden 5257 beschriftete Ziegel, die meisten auf Elamisch und 67 auf Akkadisch. Einer lautet: „Ich, Untaš-Napiriša, Sohn des Humbanumena, König von Anšan und Susa, … einen Tempel aus gebrannten Ziegeln und ein Heiligtum aus glasierten Ziegeln baute ich; ich gab ihn Inšušinak … und ich errichtete einen Tempelturm.“ Nach herrschender Auffassung wurde die Stadt um 645 v. Chr. von Assurbanipal zerstört, einige Forscher meinen jedoch, sie sei schon im späten 12. Jahrhundert verlassen worden. 1979 wurde Tschogha Zanbil als erste iranische Stätte in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen.

Inschriften elamischer Könige

Die linear-elamische Inschrift auf dem durchbohrten Kalksteinblock Puzur-Inšušinaks aus Susa, um 2100 v. Chr. Louvre, Paris (Sb 6 und Sb 177).
Die linear-elamische Inschrift auf dem durchbohrten Kalksteinblock Puzur-Inšušinaks aus Susa, um 2100 v. Chr. Louvre, Paris (Sb 6 und Sb 177). Foto: Zunkir, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Eine elamische Keilschriftinschrift König Šilhak-Inšušinaks aus Susa, mittelelamische Zeit. Nationalmuseum des Iran, Teheran.
Eine elamische Keilschriftinschrift König Šilhak-Inšušinaks aus Susa, mittelelamische Zeit. Nationalmuseum des Iran, Teheran. Foto: Dorieo, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Eine glasierte (ursprünglich blaue) Türplatte mit Knauf aus Tschogha Zanbil, 13. Jahrhundert v. Chr. Die elamische Keilschriftinschrift auf dem Knauf lautet „Palast des Untaš-Napiriša, des Königs von Elam“. British Museum, London.
Eine glasierte (ursprünglich blaue) Türplatte mit Knauf aus Tschogha Zanbil, 13. Jahrhundert v. Chr. Die elamische Keilschriftinschrift auf dem Knauf lautet „Palast des Untaš-Napiriša, des Königs von Elam“. British Museum, London. Foto: Osama Shukir Muhammed Amin, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Die Sprache der persischen Beamten

Als Susa und Anšan an die Perser fielen, verschwand das Elamische nicht. Die Achämenidenkönige machten es neben dem Altpersischen und dem Babylonischen zu einer der drei Sprachen ihrer Inschriften; am Felsen von Behistun umfasst die elamische Fassung der Inschrift des Dareios 260 Zeilen in acht Kolumnen. Auch Xerxes ließ eine dreisprachige Inschrift in den Burgfelsen von Van meißeln, mitten im Kernland des einstigen Urartu. Im persischen Kernland schrieben die Beamten auf Elamisch: Das Befestigungsarchiv von Persepolis aus den Jahren 509–493 v. Chr. enthält mehr als 15.000 elamische Aufzeichnungen über Lieferungen und Rationen (mehr dazu auf der Seite über Persien).

Die elamische Fassung von Behistun erwies sich als schwer zu knacken. Der altpersische Text lieferte den Schlüssel, doch das Elamische ähnelte keiner bekannten Sprache, und echte Fortschritte gab es erst in den 1840er- und 1850er-Jahren. Henry Rawlinson vertraute die elamische Fassung Edwin Norris an, der sie 1855 veröffentlichte; damals hielt man die Sprache für Skythisch oder Medisch. Die Bezeichnung Elamisch wird gewöhnlich Archibald Henry Sayce im Jahr 1874 zugeschrieben, und Julius Oppert veröffentlichte 1879 die erste Grammatik. Ältere elamische Inschriften aus Susa veröffentlichte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts der Dominikaner Vincent Scheil.

Eine Tontafel mit Siegelabdrücken, ein Verwaltungsdokument in achämenidischem Elamisch. Metropolitan Museum of Art, New York.
Eine Tontafel mit Siegelabdrücken, ein Verwaltungsdokument in achämenidischem Elamisch. Metropolitan Museum of Art, New York. Foto: CC0, Wikimedia Commons

Urartu: das Königreich am Vansee

Der Name Urartu ist assyrisch. In der Bibel heißt dasselbe Land Ararat, daher die „Berge Ararat“, auf denen nach dem Buch Genesis die Arche Noah aufsetzte. Die Urartäer selbst nannten ihr Land seit der Zeit König Išpuinis Biainili. Assyrische Inschriften erwähnen bereits im 13. Jahrhundert v. Chr. Uruatri, das nach neuerer Forschung eines der Länder von Nairi war; ein geeintes Königreich entstand Mitte des 9. Jahrhunderts v. Chr. Sarduri I. (um 832–820 v. Chr.) verlegte den Herrschaftssitz nach Tušpa am Ufer des Vansees, wo nahe der heutigen Stadt Van eine Felsenburg steht.

Im 8. Jahrhundert v. Chr. war Urartu einer der mächtigsten Staaten des Vorderen Orients und ein Rivale Assyriens. Den Höhepunkt seiner Macht erreichte es unter Argišti I. und seinem Sohn Sarduri II.; Argišti dehnte das Reich bis zum Fluss Araxes und zum Sewansee aus. 714 v. Chr. plünderte der assyrische König Sargon II. die heilige Stadt Muṣaṣir mit dem Haupttempel des Gottes Ḫaldi. Durch Einfälle der Kimmerier und Skythen geschwächt, verfiel das Reich und ging im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. unter, meist datiert auf eine Eroberung durch die Meder um 590 v. Chr.; andere Forscher meinen, es habe bis zur Mitte des Jahrhunderts fortbestanden.

Der Burgfelsen von Van von Nordwesten, Standort des urartäischen Tušpa, einige Kilometer westlich der heutigen Stadt Van in der Osttürkei.
Der Burgfelsen von Van von Nordwesten, Standort des urartäischen Tušpa, einige Kilometer westlich der heutigen Stadt Van in der Osttürkei. Foto: Bjørn Christian Tørrissen, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Das Urartäische und seine Schrift

Zusammen mit dem Hurritischen, der Sprache des Mitanni-Reichs und vieler Texte aus dem hethitischen Hattuša, bildet das Urartäische die kleine hurro-urartäische Familie. Die beiden Sprachen trennten sich um den Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr.; am nächsten steht das Urartäische dem Althurritischen, das aus hurritisch-hethitischen Bilinguen bekannt ist. Verbindungen zu anderen Familien, etwa zu den nordostkaukasischen Sprachen, wurden vorgeschlagen, sind aber nicht allgemein anerkannt. Urartäisch ist eine Ergativsprache: Das Subjekt eines transitiven Verbs steht in einem besonderen Kasus. Ein Beispiel aus einer Inschrift: Ḫaldi-ə ewri-ə inə É Argište-šə Menuaḫini-šə šidišt-u-nə, „Für Ḫaldi, den Herrn, hat Argišti, Sohn des Menua, diesen Tempel erbaut.“ Das Suffix -šə kennzeichnet den Ergativ, und das Attribut „Sohn des Menua“ übernimmt es von dem Namen, zu dem es gehört.

Die ältesten Inschriften aus Tušpa, aus der Regierungszeit Sarduris I., sind noch auf Assyrisch abgefasst; erst sein Sohn Išpuini schrieb auf Urartäisch. Die Schreiber übernahmen die neuassyrische Keilschrift und vereinfachten sie: Von wenigen Ausnahmen abgesehen hatte jedes Zeichen nur einen Silbenwert, und ein Vokal wurde oft durch ein zusätzliches Zeichen verstärkt (ba-a). Außerdem übernahmen sie eine Reihe von Wortzeichen und Determinativen aus dem Assyrischen. Erhalten sind vor allem königliche Inschriften an Felswänden, auf Stelen und an Bauwerken, die von Feldzügen und dem Bau von Festungen und Bewässerungskanälen berichten, dazu Inschriften auf Bronzegegenständen und einige Tontafeln. Gelegentlich wurde Urartäisch auch in anatolischen Hieroglyphen geschrieben; ob Urartu eine eigene Bilderschrift besaß, ist ungewiss.

Die urartäischen Inschriften von Van wurden Ende der 1820er-Jahre von dem deutschen Gelehrten Friedrich Eduard Schulz kopiert, der 1829 in der Region ermordet wurde; seine Aufzeichnungen erschienen 1840. Die Schrift konnte gelesen werden, sobald die assyrische Keilschrift entziffert war, doch die Sprache ähnelte keiner bekannten. Archibald Henry Sayce entzifferte sie 1882, größere Fortschritte brachten jedoch erst urartäisch-assyrische Bilinguen, vor allem die Stele vom Kelišin-Pass an der heutigen irakisch-iranischen Grenze. Der georgische Historiker Giorgi Melikischwili veröffentlichte 1963 eine Grammatik des Urartäischen, und in den 1970er-Jahren wies Igor Djakonow systematisch seine Verwandtschaft mit dem Hurritischen nach.

Eine urartäische Keilschriftinschrift König Sarduris, die den Bau eines Getreidespeichers festhält.
Eine urartäische Keilschriftinschrift König Sarduris, die den Bau eines Getreidespeichers festhält. Foto: Enlil2, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons
Eine Stele des urartäischen Königs Rusa II., die einen Kanal festhält, der Wasser vom Fluss Ildaruni (Hrazdan) zur Stadt Quarlini leitete. Museum Swartnoz, Armenien.
Eine Stele des urartäischen Königs Rusa II., die einen Kanal festhält, der Wasser vom Fluss Ildaruni (Hrazdan) zur Stadt Quarlini leitete. Museum Swartnoz, Armenien. Foto: Beko, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Erebuni und Jerewan

782 v. Chr. gründete Argišti I. die Festung Erebuni auf dem Hügel Arin Berd oberhalb der Araratebene. Im Herbst 1950 fanden Archäologen unter der Leitung von Konstantine Hovhannisyan dort die Inschrift, die ihre Gründung festhält: „Durch die Größe des Gottes Ḫaldi hat Argišti, Sohn des Menua, diese mächtige Festung erbaut und sie Erebuni genannt, zum Ruhm von Biainili und um den Feinden des Königs Furcht einzuflößen.“ Eine ähnliche Inschrift in Tušpa besagt, dass er 6600 Kriegsgefangene aus den Ländern Ḫate und Ṣupani in der neuen Stadt ansiedelte.

Aus Erebuni entstand Jerewan, dessen Name sich davon herleitet. 1968 feierte die Stadt deshalb ihr 2750-jähriges Bestehen, und im selben Jahr wurde neben der Festung das Erebuni-Museum eröffnet. Die Bedeutung des Namens selbst ist unsicher: Eine Deutung verbindet ihn mit einem urartäischen Verb mit der Bedeutung „ergreifen, erobern“, sodass er „Eroberung“ oder „Sieg“ bedeuten könnte. In der Festung fand man auch Vorratsräume für Getreide, Wein und Öl mit riesigen Vorratsgefäßen; eine Inschrift Sarduris II. am Eingang eines Vorratsraums besagt, dass zwei Speicher zusammen 24.100 Maß Getreide fassten.

Die teilweise rekonstruierten Mauern der Festung Erebuni auf dem Hügel Arin Berd in Jerewan.
Die teilweise rekonstruierten Mauern der Festung Erebuni auf dem Hügel Arin Berd in Jerewan. Foto: Marcin Konsek, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Einige elamische und urartäische Wörter

Wörter, deren Bedeutung aus den Inschriften sicher erschlossen ist. Elamisch und Urartäisch sind nicht verwandt, das Urartäische teilt jedoch viele Wörter mit dem Hurritischen:

WortBedeutungSprache und Anmerkungen
sunkiKönigelamisch; sunki-me „Königreich“
nap, napirGottelamisch; nap-ip „Götter“
halStadt, Landelamisch
siyanTempelelamisch
šakSohnelamisch; in Titeln „X, Sohn des Y“
Haltamti, HatamtiElamder elamische Name des eigenen Landes
ewri, euriHerrurartäisch; hurritisch ebenfalls ewri
ebaniLandurartäisch; ebani-uka-nə „aus meinem Land“
ar-gebenurartäisch und hurritisch
BiainiliUrartuder urartäische Name des eigenen Landes
ulṭuKamelurartäisch; gilt weithin als Quelle von armenisch ułt

Bronze und das Erbe Urartus

Die Urartäer waren geschickte Metallhandwerker. Im Wachsausschmelzverfahren gossen sie Figuren, Möbelbeschläge und Kesselattaschen; aus Bronzeblech trieben und verzierten sie Helme, Gürtel, Schilde und Gefäße. Vom Schmuck aus Edelmetall, dessen Erbeutung in Muṣaṣir sich die Assyrer rühmten, wurde jedoch wenig gefunden. Urartäische Könige ließen Bewässerungskanäle anlegen, und einige aus der Regierungszeit Menuas und Argištis I. sind noch heute in Gebrauch.

Nach dem Untergang Urartus wurde das Urartäische nicht mehr geschrieben und starb wahrscheinlich aus; im Armenischen Hochland wurde es allmählich vom Armenischen abgelöst. Schon die babylonische Fassung der Behistun-Inschrift des Dareios nennt Urashtu das Land, das die altpersische Fassung Armina, Armenien, nennt. Nach verbreiteter Ansicht gingen einige urartäische Wörter und Ortsnamen ins Armenische über, etwa ulṭu „Kamel“ (armenisch ułt) oder Tušpa (armenisch Tosp). Auch der Name Van wird oft vom urartäischen Biainili abgeleitet, doch dies bleibt eine Hypothese.

Fragmente eines urartäischen Bronzegürtels, 7. Jahrhundert v. Chr., später als Gürtelenden wiederverwendet: Gottheiten auf einem Stier und einem Löwen, Scheiben und stilisierte Bäume. British Museum, London.
Fragmente eines urartäischen Bronzegürtels, 7. Jahrhundert v. Chr., später als Gürtelenden wiederverwendet: Gottheiten auf einem Stier und einem Löwen, Scheiben und stilisierte Bäume. British Museum, London. Foto: Zunkir, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Zeittafel

  1. ca. 3100–2900 v. Chr.Protoelamische Rechnungstafeln.
  2. um 2250 v. Chr.Vertrag Naram-Sins mit Elam, der älteste elamische Text in Keilschrift.
  3. um 2100 v. Chr.Puzur-Inšušinak in Susa; Inschriften in Linear-Elamisch.
  4. um 1250 v. Chr.Untaš-Napiriša erbaut Tschogha Zanbil (Datum unsicher).
  5. 12. Jh. v. Chr.Šutruk-Naḫḫunte I. bringt die Stele Hammurapis nach Susa.
  6. um 832–820 v. Chr.Sarduri I. verlegt den Sitz Urartus nach Tušpa.
  7. 782 v. Chr.Argišti I. gründet Erebuni.
  8. 714 v. Chr.Sargon II. plündert das urartäische Muṣaṣir.
  9. um 646 v. Chr.Assurbanipal verwüstet Susa.
  10. um 590 v. Chr.Ende Urartus (Datum umstritten).
  11. 509–493 v. Chr.Elamische Tafeln des Befestigungsarchivs von Persepolis.
  12. 1855Edwin Norris veröffentlicht die elamische Fassung von Behistun.
  13. 1882Archibald Henry Sayce entziffert das Urartäische.
  14. 1950Die Gründungsinschrift von Erebuni wird gefunden.
  15. 1979Tschogha Zanbil wird Irans erste UNESCO-Welterbestätte.
  16. 2022Desset und Kollegen veröffentlichen ihre Entzifferung des Linear-Elamischen.

Elamisch und Urartäisch auf dem Globus

Beide Sprachen sind ausgestorben. Tippen Sie auf eine Sprache, um sie auf dem Globus anzuzeigen:

Quellen und weiterführende Literatur

  • Daniel T. Potts: The Archaeology of Elam: Formation and Transformation of an Ancient Iranian State. Cambridge University Press 1999.
  • Matthew W. Stolper: Elamite. In: Roger D. Woodard (ed.), The Cambridge Encyclopedia of the World’s Ancient Languages. Cambridge University Press 2004, pp. 60–95.
  • Gernot Wilhelm: Urartian. In: Roger D. Woodard (ed.), The Cambridge Encyclopedia of the World’s Ancient Languages. Cambridge University Press 2004.
  • François Desset, Kambiz Tabibzadeh, Matthieu Kervran, Gian Pietro Basello, Gianni Marchesi: The Decipherment of Linear Elamite Writing. Zeitschrift für Assyriologie 112, 2022, pp. 11–60.
  • Paul E. Zimansky: Ancient Ararat: A Handbook of Urartian Studies. Caravan Books 1998.
  • Mirjo Salvini: Geschichte und Kultur der Urartäer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995.
  • Glottolog 5 (Sprachen und ihre Klassifikation).

Illustration: Atlas der Sprachen. Fotografien: Wikimedia Commons, Urheber und Lizenzen jeweils beim Bild. Text: Atlas der Sprachen, auf Grundlage der oben aufgeführten Fachliteratur.

Zurück zum Globus