Atlas der Sprachen

Sprachen der Antike

Die Göktürken und die Orchon-Schrift

Die mongolische Steppe und Südsibirien · Runeninschriften des 8.–10. Jahrhunderts

Auf steinernen Stelen in der mongolischen Steppe hinterließen die Göktürken die ältesten zusammenhängenden Texte in einer Turksprache. Ihre von rechts nach links geschriebene Runenschrift hat für viele Konsonanten zwei Buchstaben, je nachdem, ob ein Wort vordere oder hintere Vokale enthält. Die Inschriften des 8. Jahrhunderts erzählen von Aufstieg, Fall und Wiederherstellung eines Steppenreiches. Entziffert wurden sie 1893 von dem dänischen Linguisten Vilhelm Thomsen, und ihre Sprache, die früheste belegte Turksprache, steht den Vorfahren von Sprachen nahe, die heute von rund 200 Millionen Menschen gesprochen werden.

Ein Reich in der mongolischen Steppe

Die Göktürken (alttürkisch Türk, chinesisch 突厥 Tujue) waren ein Nomadenvolk Innerasiens, das vom Clan der Ashina beherrscht wurde. Unter Bumin Qaghan (gest. 552) und seinen Söhnen schüttelten sie die Herrschaft der Rouran ab und gründeten das Erste Türkische Khaganat, ein Steppenreich, dessen Herrscher den Titel Qaghan trug. Auf seinem Höhepunkt im späten 6. Jahrhundert reichte es von der Mandschurei bis zum Schwarzen Meer, zerfiel jedoch bald in eine östliche und eine westliche Hälfte.

630 besiegte die chinesische Tang-Dynastie die Osttürken und nahm ihren Qaghan gefangen, und ein halbes Jahrhundert lang lebten sie unter chinesischer Herrschaft. 682 erhoben sich Ilterish Qaghan und sein Berater Tonyukuk und stellten das Reich wieder her, das nun als Zweites Türkisches Khaganat bezeichnet wird. Unter Ilterishs Söhnen, Bilge Qaghan (683–734) und seinem Bruder, dem Feldherrn Kül Tigin (684–731), blühte es erneut auf. Nach Bilges Tod wurde es schwächer, und 744 wurde es von den Uiguren, Verbündeten der Tang, besiegt. Aus dem Zweiten Khaganat stammen die ältesten zusammenhängenden Texte in irgendeiner Turksprache.

Die 3,3 m hohe Stele für Kül Tigin von 732 im Göktürken-Museum in Khashaat (Provinz Archangai, Mongolei). Die Inschriften (türkisch und chinesisch) bedecken alle vier Seiten des Steins.
Die 3,3 m hohe Stele für Kül Tigin von 732 im Göktürken-Museum in Khashaat (Provinz Archangai, Mongolei). Die Inschriften (türkisch und chinesisch) bedecken alle vier Seiten des Steins. Foto: Vezirtonyukuk, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Alttürkisch

Die Sprache der Runeninschriften wird als Alttürkisch bezeichnet. Sie ist die früheste belegte Turksprache; alles Ältere ist nur aus fremden, hauptsächlich chinesischen Quellen bekannt. Turksprachen werden heute von rund 200 Millionen Menschen gesprochen, vor allem Türkisch, ferner Usbekisch, Aserbaidschanisch, Kasachisch, Uigurisch, Turkmenisch, Tatarisch, Kirgisisch und viele weitere vom Balkan bis nach Sibirien.

Das Alttürkische zeigt Merkmale, die in der Sprachfamilie nahezu allgemein verbreitet sind: Vokalharmonie (die Vokale eines Wortes sind entweder alle vordere oder alle hintere), Agglutination (grammatische Bedeutungen werden durch nacheinander angefügte Suffixe ausgedrückt), die Wortstellung Subjekt–Objekt–Verb und das Fehlen eines grammatischen Geschlechts. Es gehört zur großen gemeintürkischen Gruppe; abseits steht der oghurische Zweig, dessen einziges lebendes Mitglied das Tschuwaschische ist (alttürkisch toquz „neun“ gegenüber tschuwaschisch tăχăr).

Die Sprache der Inschriften aus der Mongolei und vom Jenissei unterscheidet sich nur wenig von der der späteren uigurischen Handschriften aus Ostturkestan (Xinjiang), doch nach Marcel Erdal vertreten sie verschiedene Dialekte. Die Inschriften enthalten auch Wörter nichttürkischer Herkunft, etwa aus iranischen Sprachen entlehnte Titel.

Alte Wörter in heutigen Sprachen

Die Turksprachen stehen einander noch immer nahe, und viele Grundwörter unterscheiden sich nur in ihren Lauten. Alttürkische Wörter (transliteriert) und ihre Entsprechungen im Türkischen und Kasachischen (Kasachisch in kyrillischer Schrift):

AlttürkischBedeutungTürkisch · Kasachisch
ataVaterata · ата
qızMädchen, Tochterkız · қыз
bašKopfbaş · бас
közAugegöz · көз
qanBlutkan · қан
atPferdat · ат
subWassersu · су
otFeuerod (meist ateş, aus dem Persischen) · от
taɣBergdağ · тау
kökblau; Himmelgök · көк
täŋriHimmel, der Himmelsgotttanrı „Gott“ · тәңір
bireinsbir · бір
toquzneundokuz · тоғыз

Runen von rechts nach links

Wegen ihrer kantigen Buchstaben, die sich gut zum Einmeißeln in Stein eignen, wird die alttürkische Schrift auch als türkische Runen bezeichnet. Mit den germanischen Runen hat sie nichts zu tun; sie ist ein Alphabet. Sie verläuft von rechts nach links, auf den Stelen in senkrechten Zeilen. Die Wörter werden durch ein doppelpunktartiges Zeichen getrennt (in Unicode ⁚, TWO DOT PUNCTUATION), anderswo durch einen Ring.

Die Schrift ist auf die Vokalharmonie zugeschnitten. Ihre acht Vokale werden mit nur vier Buchstaben geschrieben (a/ä, ı/i, o/u, ö/ü), und im Wortinneren werden Vokale oft gar nicht geschrieben. Viele Konsonanten haben dagegen zwei Buchstaben: einen für Wörter mit hinteren Vokalen (a, ı, o, u), den anderen für Wörter mit vorderen Vokalen (ä, i, ö, ü). Die Form des Konsonanten zeigt dem Leser also, welchen Vokal er ergänzen muss. 1893 bezeichnete Vilhelm Thomsen die beiden Reihen mit hochgestelltem ¹ und ², wie es Transliterationen bis heute tun. Mehrere weitere Buchstaben geben ganze Lautgruppen wieder, etwa nt, lt, nč, ök oder oq.

Der Name des Himmelsgottes, täŋri, wird daher mit vier Buchstaben geschrieben, 𐱅𐰭𐰼𐰃 (t² ŋ r² i): Die Konsonanten der vorderen Reihe verraten, dass der fehlende Vokal das vordere ä ist.

Alttürkische Buchstaben (eine Auswahl)

  • a, äVokal; im Wortinneren oft ungeschrieben
  • ı, iVokal
  • o, uVokal
  • ö, üVokal
  • b¹b bei hinteren Vokalen (a, ı, o, u)
  • b²b bei vorderen Vokalen (ä, i, ö, ü)
  • r¹hintere Reihe
  • r²vordere Reihe
  • t¹hintere Reihe
  • t²vordere Reihe
  • q¹hinteres k [q]
  • k²vorderes k
  • ŋbeide Reihen
  • mbeide Reihen

t² ü r² k² → türkder Name der Türk; von rechts nach links gelesen, alle Konsonanten aus der vorderen Reihe

Hochgestelltes ¹ bezeichnet den Buchstaben für Wörter mit hinteren Vokalen, ² den für Wörter mit vorderen Vokalen (Konvention von Vilhelm Thomsen). Die Lautwerte folgen den üblichen Tabellen; die Buchstabenformen schwankten von Ort zu Ort. Unicode enthält die alttürkische Schrift seit Version 5.2 (2009) im Block U+10C00–U+10C4F, der Orchon- und Jenissei-Formen unterscheidet. Die Buchstaben sind in Noto Sans Old Turkic gesetzt, und die Seite setzt sie von rechts nach links.

Wörter in Runen

So werden Wörter aus den alttürkischen Inschriften und Handschriften geschrieben. Die Buchstaben sind in Lesereihenfolge aufgeführt, von rechts nach links:

in RunenBuchstabenLesung und Bedeutung
𐱅𐰭𐰼𐰃t² ŋ r² itäŋri „Himmel, der Himmelsgott“; der Vokal ä wird nicht geschrieben
𐱅𐰇𐰼𐰚t² ü r² k²türk, der Name der Türk; alle Konsonanten aus der vorderen Reihe
𐰉𐰆𐰑𐰣b¹ o d¹ n¹bodun „Volk“; Konsonanten der hinteren Reihe, der zweite Vokal ungeschrieben
𐰚𐰇𐰜k² ö ökkök „blau, himmlisch“; der letzte Buchstabe gibt die Gruppe ök/kö wieder
𐰋𐰃𐰠𐰏𐰀b² i l² g² äbilgä „weise“, ein Titel Bilge Qaghans und Tonyukuks
𐱃𐰆𐰪𐰸𐰸t¹ o ñ uq uqToñuquq, Tonyukuk; die Etymologie des Namens ist umstritten
𐰃𐰺𐰴 𐰋𐰃𐱅𐰃𐰏ı r¹ q¹ · b² i t² i g²ırq bitig „Buch der Vorzeichen“, der Titel der Handschrift aus Dunhuang

Woher die Schrift stammt

Der Ursprung der Schrift ist ungewiss. Schon Thomsen nahm an, dass sie von einer der aus dem Aramäischen hervorgegangenen Schriften abstammt, und nach vorherrschender Auffassung ist ihr nächster Vorfahr die sogdische Schrift, die von den iranischen Kaufleuten aus Sogdien verwendet wurde, die am Hof der Göktürken einflussreich waren. Allerdings stimmen nur einige der Buchstaben überein, und eine direkte Ableitung ist nicht nachgewiesen, sodass die Frage umstritten bleibt. Eine ältere Vorstellung, die Buchstaben seien aus Tamgas hervorgegangen, den Brandzeichen, mit denen Nomaden ihr Vieh kennzeichneten, gilt als unbeweisbar.

Auch die chinesischen Quellen des 7. Jahrhunderts widersprechen einander. Das Buch der Zhou berichtet, die Türk hätten eine Schrift ähnlich der der Sogder besessen, während das Buch der Sui und die Geschichte der Nördlichen Dynastien angeben, sie hätten keine gehabt. Die Runeninschriften selbst stammen erst aus dem 8. Jahrhundert; über etwaige frühere Formen der Schrift ist nichts Sicheres bekannt.

Der obere Teil der Kül-Tigin-Stele mit senkrechten Zeilen der Runeninschrift. Der Stein ist stellenweise gerissen und abgebrochen.
Der obere Teil der Kül-Tigin-Stele mit senkrechten Zeilen der Runeninschrift. Der Stein ist stellenweise gerissen und abgebrochen. Foto: Betta27, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Die Orchon-Inschriften

1889 fand eine Expedition unter Leitung von Nikolai Jadrinzew im Tal des Flusses Orchon in der Zentralmongolei, an der Fundstätte Khöshöö Tsaidam, zwei große beschriftete Steinstelen. Ursprünglich standen sie auf steinernen Schildkröten innerhalb ummauerter Anlagen. Die eine ließ Bilge Qaghan 732 zum Gedenken an seinen Bruder Kül Tigin aufstellen; die andere wurde 735 von seinem Sohn für Bilge selbst angefertigt. Nach Angabe der Inschriften verfasste Prinz Yollıg Tigin, Bilges Sohn, die alttürkischen Texte auf beiden.

Die Inschriften sind zweisprachig. Neben dem türkischen Text trägt die Kül-Tigin-Stele eine chinesische Inschrift, die der Überlieferung nach im Namen des Tang-Kaisers Xuanzong verfasst wurde; der türkische Text ist jedoch keine Übersetzung davon und erzählt die Geschichte auf eigene Weise. Er berichtet von der legendären Herkunft der Türk, vom goldenen Zeitalter ihres Reiches, von den fünfzig Jahren der Unterwerfung unter China, als „die türkischen Begs ihre türkischen Namen aufgaben und chinesische annahmen“, und von der Befreiung unter Ilterish. Er mahnt die Türk, im heiligen Ötüken-Bergland zu bleiben und sich nicht von chinesischen Reichtümern und listigen Worten verführen zu lassen.

Das Orchon-Tal steht seit 2004 auf der Liste des UNESCO-Welterbes. Die Kül-Tigin-Stele wird heute im Göktürken-Museum an der Fundstätte aufbewahrt.

Das Göktürken-Museum in Khashaat (Provinz Archangai) im Orchon-Tal, nahe der Fundstätte Khöshöö Tsaidam.
Das Göktürken-Museum in Khashaat (Provinz Archangai) im Orchon-Tal, nahe der Fundstätte Khöshöö Tsaidam. Foto: Chongkian, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Tonyukuk

Die dritte große Inschrift des Zweiten Khaganats ist die des Tonyukuk, auf zwei Stelen in Bayn Tsokto bei Nalaich, unweit des heutigen Ulaanbaatar. Tonyukuk (ca. 646 – ca. 726) diente vier Qaghanen als Berater und Heerführer und war der Schwiegervater Bilge Qaghans. Die Inschrift erzählt in der ersten Person, wie er half, das Reich wiederherzustellen: „Ich, der weise Tonyukuk, wurde im Reich Tabgach geboren (oder: aufgezogen)“, das heißt in China; „das türkische Volk war China untertan.“

Da der Text mit Tonyukuks eigener Stimme spricht, wird er in seine Lebenszeit gesetzt. Das genaue Datum ist ungewiss: Meist wird er kurz nach 716 angesetzt, von anderen Forschern um 720 oder später. In jedem Fall ist er etwas älter als die Stelen für Kül Tigin und Bilge.

Die beiden Stelen der Tonyukuk-Inschrift in Bayn Tsokto bei Nalaich, unweit von Ulaanbaatar.
Die beiden Stelen der Tonyukuk-Inschrift in Bayn Tsokto bei Nalaich, unweit von Ulaanbaatar. Foto: Vezirtonyukuk, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Inschriften vom Jenissei

Runeninschriften wurden nicht nur in der Mongolei gefunden, sondern vor allem im Becken des oberen Jenissei in Südsibirien, im heutigen Tuwa und Chakassien, und in geringerer Zahl im Altai, im Talas-Tal und in Xinjiang. Die Übersicht des kasachischen Sprachkomitees verzeichnet 54 aus dem Orchon-Gebiet, 106 vom Jenissei, 15 vom Talas und 78 aus dem Altai; Marcel Erdal zählt insgesamt etwa zweihundert Inschriften.

Die Jenissei-Inschriften sind meist kurze Grabinschriften, in denen die Toten von ihrer Familie, ihren Herden und Titeln sprechen. Sie werden überwiegend den Jenissei-Kirgisen zugeschrieben und gewöhnlich in das 8.–10. Jahrhundert gesetzt, auch wenn einzelne Steine schwer zu datieren sind. Einige ihrer Buchstaben weichen von den Orchon-Formen ab. Die erste alttürkische Inschrift, die Europäer zu Gesicht bekamen, stammte vom Jenissei: die Stele Uybat I bei Abakan, 1721 von dem Forschungsreisenden Daniel Gottlieb Messerschmidt gefunden.

Steine vom Jenissei

Eine Steinstele mit alttürkischer Runeninschrift in Kysyl in Tuwa (Russland), im Gebiet des oberen Jenissei. Die Buchstaben sind in senkrechten Zeilen eingemeißelt.
Eine Steinstele mit alttürkischer Runeninschrift in Kysyl in Tuwa (Russland), im Gebiet des oberen Jenissei. Die Buchstaben sind in senkrechten Zeilen eingemeißelt. Foto: Philipp Roelli, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons
Der beschriftete Stein von Uyuk-Turan (Tuwa) mit Runenzeilen und Tierfiguren, in einer von Appelgren-Kivalo (1931) veröffentlichten Zeichnung. Der 277 cm hohe Stein wurde 1886–1887 gefunden und 1943 nach Kysyl gebracht.
Der beschriftete Stein von Uyuk-Turan (Tuwa) mit Runenzeilen und Tierfiguren, in einer von Appelgren-Kivalo (1931) veröffentlichten Zeichnung. Der 277 cm hohe Stein wurde 1886–1887 gefunden und 1943 nach Kysyl gebracht. Foto: László Károly, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Die Grabstele Uybat I aus der Umgebung von Abakan (Chakassien) mit einer Jenissei-Runeninschrift; Zeichnung der Finnischen Altertumsgesellschaft (1889), wiedergegeben von A. M. Tallgren. Sie wurde 1721 von Daniel Gottlieb Messerschmidt gefunden. Nach I. V. Kormushin ist das unten eingemeißelte Gesicht viel älter als die Inschrift.
Die Grabstele Uybat I aus der Umgebung von Abakan (Chakassien) mit einer Jenissei-Runeninschrift; Zeichnung der Finnischen Altertumsgesellschaft (1889), wiedergegeben von A. M. Tallgren. Sie wurde 1721 von Daniel Gottlieb Messerschmidt gefunden. Nach I. V. Kormushin ist das unten eingemeißelte Gesicht viel älter als die Inschrift. Foto: Aarne Michaël Tallgren, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Irk Bitig, das Buch der Vorzeichen

Neben den Steinen sind einige Handschriften in der Runenschrift erhalten, aus Ostturkestan und aus Dunhuang. Die wichtigste ist das Irk Bitig, das „Buch der Vorzeichen“, der einzige vollständige handschriftliche Text in dieser Schrift. Aurel Stein fand es 1907 in der zugemauerten „Bibliothekshöhle“ der buddhistischen Mogao-Grotten bei Dunhuang; heute befindet es sich in der British Library in London.

Es ist ein kleines Büchlein aus 58 Blättern, jede Seite etwa 13 × 8 cm groß. Der alttürkische Text füllt 104 Seiten, geschrieben mit schwarzer Tinte und roten Worttrennern. Er enthält 65 Vorzeichen. Jedem sind drei Gruppen von einem bis vier roten Punkten vorangestellt, wahrscheinlich das Ergebnis von drei Würfen eines länglichen Würfels mit vier bezeichneten Seiten (oder eines Wurfs mit drei solchen Würfeln); dann folgt ein kurzes Bild aus der Welt der Nomaden (ein Falke auf einem Sandelholzbaum, ein in der Wüste verirrtes Pferd, ein Khan, der aus einer siegreichen Schlacht heimkehrt) und das Urteil „wisset: Es ist gut“ oder „schlecht“. Der Haupttext schließt: „Nun, meine lieben Söhne, wisset: Dieses Wahrsagebuch ist gut.“

Laut seinem Kolophon wurde das Exemplar in einem Jahr des Tigers in einem manichäischen Kloster geschrieben; meist wird es in das 9. Jahrhundert datiert, von Louis Bazin auf 930 oder 942. Die Fehler des Schreibers zeigen, dass es sich um die Abschrift eines älteren Textes handelt. Die leeren Seiten am Anfang und Ende wurden später mit buddhistischen Versen auf Chinesisch gefüllt.

Die ersten beiden Seiten des Textes des Irk Bitig (Blätter 5b und 6a). Die Zeilen verlaufen von rechts nach links, die Wörter sind durch rote Kreise getrennt. British Library, London (Or.8212/161).
Die ersten beiden Seiten des Textes des Irk Bitig (Blätter 5b und 6a). Die Zeilen verlaufen von rechts nach links, die Wörter sind durch rote Kreise getrennt. British Library, London (Or.8212/161). Foto: International Dunhuang Project, gemeinfrei, Wikimedia Commons
Vorzeichen 11 des Irk Bitig (Blatt 13a). Oben halten drei Gruppen roter Punkte (4-4-3) den Würfelwurf fest; darunter die Deutung: Ein Bote auf einem gelben Pferd und ein Gesandter auf einem dunkelbraunen Pferd bringen gute Nachricht; das Vorzeichen ist sehr gut.
Vorzeichen 11 des Irk Bitig (Blatt 13a). Oben halten drei Gruppen roter Punkte (4-4-3) den Würfelwurf fest; darunter die Deutung: Ein Bote auf einem gelben Pferd und ein Gesandter auf einem dunkelbraunen Pferd bringen gute Nachricht; das Vorzeichen ist sehr gut. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons
Die letzten beiden Seiten des Haupttextes des Irk Bitig (Blätter 55b und 56a), teilweise mit buddhistischen Versen auf Chinesisch überschrieben. British Library, London.
Die letzten beiden Seiten des Haupttextes des Irk Bitig (Blätter 55b und 56a), teilweise mit buddhistischen Versen auf Chinesisch überschrieben. British Library, London. Foto: International Dunhuang Project, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Entzifferung

Veröffentlicht wurden die Orchon-Inschriften von Wassili Radlow (Wilhelm Radloff, 1837–1918), einem in Deutschland geborenen Gelehrten und führenden russischen Turkologen. Der chinesische Text auf der Kül-Tigin-Stele bot einen Anhaltspunkt: Er verriet, wem der Stein gewidmet war und wann er entstand. Entziffert wurden die Runen jedoch zuerst von dem dänischen Linguisten Vilhelm Thomsen (1842–1927) aus Kopenhagen.

Thomsen stellte fest, dass die Schrift von rechts nach links verläuft, und erkannte, dass ihre Konsonanten zwei von der Vokalharmonie bestimmte Reihen bilden. Nach der üblichen Darstellung waren seine ersten Schlüssel die Wörter täŋri „Himmel“, türk und der aus dem chinesischen Teil der Inschrift bekannte Name Kül Tigin. Er legte seine Ergebnisse am 15. Dezember 1893 der Königlich Dänischen Akademie der Wissenschaften vor. Radlow veröffentlichte bald die ersten Übersetzungen, Thomsen 1896 seine französische Studie Inscriptions de l'Orkhon déchiffrées und 1922 eine ausführlichere dänische Übersetzung.

Vilhelm Thomsen (1842–1927), der dänische Linguist, der 1893 die alttürkische Runenschrift entzifferte. Fotografie von Peter Elfelt, 1912.
Vilhelm Thomsen (1842–1927), der dänische Linguist, der 1893 die alttürkische Runenschrift entzifferte. Fotografie von Peter Elfelt, 1912. Foto: Peter Elfelt, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Bronzebüste Vilhelm Thomsens auf dem Frue Plads in Kopenhagen.
Bronzebüste Vilhelm Thomsens auf dem Frue Plads in Kopenhagen. Foto: Daderot, CC0, Wikimedia Commons

Das Ende der Runenschrift

Nach 744 übernahmen die Uiguren, die den Göktürken in der Mongolei nachfolgten, die Runenschrift. 840 wurde ihr Khaganat von den Jenissei-Kirgisen zerstört, und die Uiguren zogen in die Oasen von Turfan und nach Gansu. Dort wurden türkische Texte bald in der aus dem Sogdischen abgeleiteten altuigurischen Schrift und in anderen Schriften geschrieben, die Buddhismus und Manichäismus mitbrachten, und seit dem 10. und 11. Jahrhundert, mit dem Islam, in arabischer Schrift. Die Runen wurden etwa vom 8. bis zum 10. Jahrhundert verwendet und gerieten dann in Vergessenheit.

Heute gelten die alttürkischen Inschriften als gemeinsames Erbe der Turkvölker. Buchstaben der Orchon-Schrift erscheinen zum Beispiel auf der seit 2006 ausgegebenen aserbaidschanischen 5-Manat-Banknote.

Zeittafel

  1. 552Bumin Qaghan gründet das Erste Türkische Khaganat.
  2. 630Die Tang besiegen die Osttürken und nehmen ihren Qaghan gefangen.
  3. 636–659Die chinesischen Werke Buch der Zhou, Buch der Sui und Geschichte der Nördlichen Dynastien widersprechen einander in der Frage, ob die Türk eine Schrift haben.
  4. 682Ilterish Qaghan und Tonyukuk stellen das Türkische Reich wieder her.
  5. um 716–725Die Tonyukuk-Inschrift (Datierung unsicher).
  6. 732Stele für Kül Tigin, der 731 starb.
  7. 735Stele für Bilge Qaghan, der 734 starb.
  8. 744Die Uiguren besiegen das letzte Göktürken-Khaganat.
  9. 840Die Jenissei-Kirgisen zerstören das Uigurische Khaganat.
  10. 9.–10. Jh.Die Handschrift Irk Bitig (ein Jahr des Tigers).
  11. 1721D. G. Messerschmidt findet die Stele Uybat I am Jenissei.
  12. 1889Jadrinzews Expedition entdeckt die Orchon-Inschriften.
  13. 15. Dez. 1893Thomsen gibt die Entzifferung bekannt.
  14. 1907Aurel Stein findet das Irk Bitig in Dunhuang.
  15. 2004Das Orchon-Tal wird in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen.
  16. 2009Die alttürkische Schrift wird in Unicode 5.2 aufgenommen.

Alttürkisch auf dem Globus

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Quellen und weiterführende Literatur

  • Talat Tekin: A Grammar of Orkhon Turkic. Indiana University, Bloomington – Mouton, The Hague 1968 (Uralic and Altaic Series 69).
  • Marcel Erdal: A Grammar of Old Turkic. Brill, Leiden 2004.
  • Talat Tekin: Irk Bitig. The Book of Omens. Harrassowitz, Wiesbaden 1993.
  • Peter B. Golden: An Introduction to the History of the Turkic Peoples. Harrassowitz, Wiesbaden 1992.
  • Lars Johanson, Éva Á. Csató (Hrsg.): The Turkic Languages. Routledge, London 1998.
  • Vilhelm Thomsen: Inscriptions de l'Orkhon déchiffrées. Société finno-ougrienne, Helsingfors 1896.
  • Glottolog 5 (Sprachen und ihre Klassifikation).

Illustration: Atlas der Sprachen. Fotografien: Wikimedia Commons, Urheber und Lizenzen jeweils beim Bild. Text: Atlas der Sprachen, auf Grundlage der oben aufgeführten Fachliteratur.

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