
Sprachen der Antike
Die Germanen und die Runen
Nord- und Mitteleuropa · Runen seit dem 2. Jahrhundert, eine gotische Bibel aus dem 4.
Die Germanen schrieben zuerst in Runen, einer Schrift aus 24 Zeichen, die höchstwahrscheinlich in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr. nach dem Vorbild eines der Mittelmeeralphabete entstand. Sie ritzten Runen in Waffen, Schmuck und später in Steine; die ältesten sicher datierten Inschriften stammen aus dänischen Mooren des 2. Jahrhunderts. Im 4. Jahrhundert schuf der gotische Bischof Wulfila für die Übersetzung der Bibel ein eigenes Alphabet auf der Grundlage des griechischen, und so wurde das Gotische zur ersten germanischen Sprache mit umfangreichen Texten. Englisch, Deutsch, Niederländisch und die nordischen Sprachen gehen alle auf die Sprache der frühen Germanen zurück.
Die Germanen und ihre Sprache
Die Germanen waren kein einheitliches Volk, sondern viele Stämme, die durch verwandte Sprachen verbunden waren. Ihr gemeinsamer Vorfahr, das Urgermanische, entwickelte sich nach allgemeiner Auffassung in den letzten Jahrhunderten v. Chr. in Südskandinavien und im heutigen Norddeutschland. Es ist in keinen zusammenhängenden Texten bezeugt; die Sprachwissenschaft rekonstruiert es durch den Vergleich der späteren Sprachen. Die Römer kannten die Germanen als Nachbarn an Rhein und Donau, und um 98 n. Chr. widmete ihnen Tacitus eine Abhandlung, die Germania.
Die germanischen Sprachen gliedern sich in drei Zweige. Der östliche Zweig, zu dem Gotisch, Vandalisch und Burgundisch gehörten, hat keine lebenden Nachfahren. Aus dem nördlichen Zweig ging das Altnordische hervor und aus ihm Isländisch, Norwegisch, Schwedisch, Dänisch und Färöisch. Zum westlichen Zweig gehören Englisch, Deutsch, Niederländisch, Friesisch und Jiddisch.

Die Lautverschiebung
Was die germanischen Sprachen von den übrigen indogermanischen Sprachen unterscheidet, ist vor allem ein regelmäßiger Wandel der Konsonanten, den Jacob Grimm (und vor ihm 1818 der dänische Sprachwissenschaftler Rasmus Rask) beschrieb und der als erste (germanische) Lautverschiebung (Grimmsches Gesetz) bekannt ist. Wo Latein, Griechisch oder Tschechisch p, t, k haben, haben die germanischen Sprachen f, þ (engl. th), h; aus d wurde t und aus g wurde k. So entspricht lat. piscis got. fisks und engl. fish, und lat. nox, noctis entspricht got. nahts und dt. Nacht.
Das Gotische ist die älteste in umfangreichen Texten bezeugte germanische Sprache und bewahrt viele altertümliche Züge; deshalb wird es in der vergleichenden Sprachwissenschaft häufiger zitiert als jede andere.
Verwandte Wörter
Gotische Wörter, ihre Entsprechungen im Englischen, Deutschen und Isländischen sowie verwandte Wörter in anderen indogermanischen Sprachen:
| Gotisch | Englisch · Deutsch · Isländisch | Bedeutung und Vergleich |
|---|---|---|
| fisks | fish · Fisch · fiskur | Fisch; lat. piscis (p → f) |
| nahts | night · Nacht · nótt | Nacht; lat. nox, noctis, tschech. noc (k → h) |
| þata | that · das · það | das; tschech. to (t → þ) |
| sitan | sit · sitzen · sitja | sitzen; lat. sedēre, tschech. sedět (d → t) |
| ik | I · ich · ég | ich; lat. ego (g → k) |
| kunnan | can · können · kunna | kennen, können; lat. (g)nōscere, griech. gignṓskō, tschech. znát (g → k) |
| dauhtar | daughter · Tochter · dóttir | Tochter; tschech. dcera |
Woher die Runen kamen
Die Herkunft der Runen ist umstritten. Die meisten Forscher nehmen an, dass sie im 1. oder 2. Jahrhundert nach dem Vorbild eines der damals in Italien und in den Alpen gebräuchlichen Alphabete entstanden: des lateinischen Alphabets oder eines der norditalischen Alphabete (rätisch, venetisch, nordetruskisch), die ihrerseits vom etruskischen abstammten. Skandinavische Forscher neigen eher zum Lateinischen, andere weisen darauf hin, dass manche Runen den Buchstaben der Alpenalphabete in Form und Lautwert ähneln. Etwa die Hälfte der Runen stimmt in Form und Lautwert mit Buchstaben des lateinischen und der norditalischen Alphabete überein (zum Beispiel ᚠ f, ᚱ r, ᛏ t); für die übrigen gehen die Deutungen auseinander. Die eckigen Formen ohne waagerechte Striche eigneten sich zum Ritzen in Holz.
Das früheste Zeugnis für eine Begegnung von Germanischsprechern mit der Schrift könnte der Bronzehelm Negau B sein, aus einem 1812 in Slowenien gefundenen Hortfund. Auf seiner Krempe ist von rechts nach links in einem nordetruskischen Alphabet 𐌇𐌀𐌓𐌉𐌙𐌀𐌔𐌕𐌉𐌕𐌄𐌉𐌅𐌀 eingeritzt (hier von links nach rechts wiedergegeben; transliteriert hariχasti teiva). Fast alle lesen darin den germanischen Namen Harigast; der Rest wird unterschiedlich gedeutet, etwa als ‚Harigast der Priester‘. Wann die Inschrift angebracht wurde, ist unsicher; die Schätzungen reichen vom 4. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. Es handelt sich nicht um eine Runeninschrift, sondern um eine ältere Schrift von der Art, aus der die Runen hervorgegangen sein könnten.


Das Futhark mit 24 Zeichen
Die älteste Runenschrift heißt nach ihren ersten sechs Zeichen (f, u, þ, a, r, k) Futhark, genauer älteres Futhark. Es hatte 24 Runen in fester Reihenfolge, die in drei Gruppen zu je acht eingeteilt waren (die Einteilung findet sich bereits auf Brakteaten des 6. Jahrhunderts); heute nennt man die Gruppen ættir (altnordisch ‚Geschlechter‘). Jede Rune hatte einen Namen, meist ein Wort, das mit ihrem Laut begann: ᚠ hieß *fehu ‚Vieh, Besitz‘, ᛗ *mannaz ‚Mann‘. Die urgermanischen Namen sind nirgends aufgezeichnet; sie werden aus dem altenglischen Runengedicht, den späteren nordischen Runennamen und den Namen der gotischen Buchstaben rekonstruiert.
Die früheste vollständige Aufzählung aller 24 Runen steht auf dem Stein von Kylver auf Gotland aus der Zeit um 400. Runen wurden von links nach rechts oder von rechts nach links geschrieben, manchmal zeilenweise wechselnd, und die Wörter wurden oft nicht getrennt. Bekannt sind etwa 350 Inschriften im älteren Futhark, die meisten kurz: der Name eines Besitzers oder Herstellers, eine Widmung, ein Zauberspruch. Das Wissen, wie man sie liest, ging verloren, und das ältere Futhark wurde erst 1865 von dem norwegischen Gelehrten Sophus Bugge entziffert.
Das ältere Futhark
- f*fehu ‚Vieh, Besitz‘
- u*ūruz ‚Auerochse‘
- þ[θ]; Name unsicher, nordisch þurs ‚Riese‘
- a*ansuz ‚Gott‘
- r*raidō ‚Ritt‘
- kName unsicher
- g*gebō ‚Gabe‘
- w*wunjō ‚Freude‘
- h*hagalaz ‚Hagel‘
- n*naudiz ‚Not‘
- i*īsaz ‚Eis‘
- j*jēran ‚Jahr, Ernte‘
- ïLautwert unsicher; *ī(h)waz ‚Eibe‘
- pselten; Name unklar
- zspäter r (ʀ); Name unsicher (meist als *algiz rekonstruiert)
- s*sōwilō ‚Sonne‘
- t*tīwaz, der Gott Týr
- b*berkanan ‚Birke‘
- e*ehwaz ‚Pferd‘
- m*mannaz ‚Mann‘
- l*laguz ‚Wasser‘
- ŋ*ingwaz, der Gott Ing
- d*dagaz ‚Tag‘
- o*ōþalan ‚ererbtes Land‘
harjadie Inschrift auf dem Kamm von Vimose (ca. 150–200), höchstwahrscheinlich ein Männername, vielleicht ‚Krieger‘
Die Runennamen sind Rekonstruktionen (ein Sternchen kennzeichnet eine nicht belegte Form), und bei mehreren Runen sind Name oder Lautwert unsicher. Die Runenformen schwankten je nach Ort und Zeit; Unicode kodiert Runen von links nach rechts. Die Zeichen sind in der Schrift Noto Sans Runic dargestellt.

Kämme, Schmuck und goldene Hörner
Die ältesten sicher datierten Runeninschriften stammen aus dänischen Mooren, in denen in der römischen Kaiserzeit Waffen und Ausrüstung als Opfergaben niedergelegt wurden. Der Kamm von Vimose auf Fünen, um 150–200, trägt das Wort harja. 2023 gaben norwegische Archäologen den Stein von Svingerud (Gemeinde Hole) bekannt, der nach der Datierung des Grabes irgendwann zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 3. Jahrhundert n. Chr. entstand; er könnte also noch älter sein, doch die Datierung ist unsicher. Das ältere Futhark wurde nicht nur im Norden verwendet: Inschriften sind auch aus dem Rheinland, aus Alemannien und ostwärts bis zu den Karpaten bekannt, etwa auf dem goldenen Halsring aus dem Schatz von Pietroasele in Rumänien, dessen Inschrift gutani… hailag gelesen und mit den Goten in Verbindung gebracht wird.
Um 400 begann man, Runensteine als Gedenksteine zu errichten (älter ist nur der vereinzelte Fund von Svingerud). Der Stein von Tune im Südosten Norwegens erinnert an einen Mann namens Woduridaz und erwähnt nach der üblichen Lesung auch drei Töchter und ein Erbe (þrijōz dohtrīz, ‚drei Töchter‘). Die berühmteste Inschrift der frühen Zeit ist jedoch der Satz auf dem Goldhorn von Gallehus.
Runen auf Gegenständen




ek hlewagastiz : holtijaz : horna : tawido :
- ek
- ich
- hlewagastiz
- Hlewagastiz (ein Name, vielleicht ‚Ruhmgast‘)
- holtijaz
- Holtijaz (höchstwahrscheinlich ‚Sohn des Holt‘)
- horna
- Horn (Akkusativ)
- tawido
- machte
Ich, Hlewagastiz Holtijaz, machte das Horn.Die Inschrift befand sich auf dem kürzeren der beiden Goldhörner, die 1734 in Gallehus in Südjütland gefunden wurden; die Hörner stammten aus dem frühen 5. Jahrhundert. 1802 schmolz ein Dieb sie ein, sodass die Inschrift nur aus Zeichnungen bekannt ist. Sie ist einer der frühesten vollständigen Sätze im älteren Futhark und die älteste erhaltene germanische Verszeile: Die Wörter hlewagastiz, holtijaz und horna sind durch Stabreim verbunden, die Wiederholung des anlautenden h. Holtijaz wird meist als Patronymikon aufgefasst; andere lesen es als ‚der aus dem Wald‘. Die Doppelpunkte sind Worttrenner.
Runen und Runensteine der Wikingerzeit
In Skandinavien verringerte sich im 7. und 8. Jahrhundert die Zahl der Runen von 24 auf 16. So entstand das jüngere Futhark, die Schrift der Wikingerzeit, in einer dänischen und einer schwedisch-norwegischen Form. Eine Rune musste nun mehrere Laute wiedergeben: ᚢ schrieb u, o und y, ᚴ sowohl k als auch g. Gleichzeitig entwickelte sich das Altnordische und gewann neue Laute hinzu. Mehrere Tausend Runensteine tragen Inschriften in den jüngeren Runen, die meisten davon in Schweden, und die meisten sind Gedenksteine für verstorbene Angehörige.
Der Runenstein von Rök in Östergötland in Schweden aus dem frühen 9. Jahrhundert trägt etwa 760 Zeichen, die längste bekannte Runeninschrift auf Stein. Ein Vater namens Varinn errichtete ihn zum Gedenken an seinen verstorbenen Sohn Vámóðr. Der Text ist absichtlich schwer verständlich: Ein Teil ist verschlüsselt, ein Teil im älteren Futhark geschrieben; eine Strophe über Þjóðríkr, der ‚nun auf seinem gotischen Pferd sitzt‘, wird meist auf den Ostgotenkönig Theoderich den Großen bezogen. Die Lesung der Runen ist größtenteils gesichert, der Sinn des Ganzen wird unterschiedlich gedeutet. In Jelling in Dänemark errichtete im 10. Jahrhundert König Gorm einen Stein für seine Frau Thyra und sein Sohn Harald Blauzahn einen großen Stein für seine Eltern, auf dem er verkündet, Harald ‚gewann sich ganz Dänemark und Norwegen und machte die Dänen zu Christen‘.


Das angelsächsische Futhorc
Die Angeln, Sachsen und Friesen erweiterten dagegen die Runenreihe. Weil sich der Laut a im Altenglischen und Friesischen aufspaltete, wurden aus einer Rune drei: ᚪ āc, ᚫ æsc und ᚩ ōs. Nach den neuen Lautwerten heißt die Reihe Futhorc. Sie hatte 28 Zeichen, in England später sogar etwa 33. Runen wurden dort ab etwa dem 5. Jahrhundert verwendet und überdauerten die Christianisierung: Sie erscheinen auf Kreuzen, auf dem Sarg des heiligen Cuthbert und auf dem Franks Casket aus Walknochen, auf dem sich Runen mit lateinischen Buchstaben und heidnische Sage mit biblischen Szenen mischen. Ab dem 7. Jahrhundert verdrängte sie jedoch allmählich das lateinische Alphabet, das zwei Runen als Buchstaben übernahm: þ (thorn) und ƿ (wynn).

Wulfila und das gotische Alphabet
Die Goten ließen sich im 2. und 3. Jahrhundert nördlich der Donau und des Schwarzen Meeres nieder. Unter ihnen wuchs Wulfila auf (lateinisch Ulfilas, um 311–383), der zum Teil von kleinasiatischen Christen abstammte, die die Goten als Gefangene verschleppt hatten. Um 341 wurde er zum Bischof der Goten geweiht; nach einer Christenverfolgung ließ er sich 348 mit seiner Gemeinde auf römischem Gebiet in Moesien (im heutigen Bulgarien) nieder, und er starb in Konstantinopel. Er hing dem arianischen Glaubensverständnis an, und so blieben die Goten und die anderen Germanen, die das Christentum von ihnen übernahmen, lange Arianer.
Nach antiken Autoren schuf Wulfila für die Übersetzung der Bibel aus dem Griechischen ein eigenes Alphabet. Die meisten seiner Buchstaben stammen aus dem griechischen Alphabet, mehrere ähneln in der Form lateinischen Buchstaben, und für zwei, j und u, wurde eine runische Herkunft vorgeschlagen; wie viel Latein und Runen beitrugen, ist umstritten. Wie die griechischen Buchstaben hatten sie auch Zahlenwerte. Die Übersetzung wird traditionell Wulfila selbst zugeschrieben, doch die Analyse des Textes deutet darauf hin, dass ein Team von Übersetzern daran arbeitete, vielleicht unter seiner Leitung.

Gotische Buchstaben (Auswahl)
- a1; vom griechischen Α
- b2; vom griechischen Β
- g3; vom griechischen Γ
- d4; vom griechischen Δ
- e5; langes [eː]
- q6; [kʷ]
- h8; in der Form wie lateinisches h
- þ9; [θ], an der Stelle des griechischen θ
- i10; ei = langes [iː]
- j60; Form vielleicht vom lateinischen G oder von der Rune ᛃ
- u70; Form vielleicht von der Rune ᚢ
- r100; in der Form wie lateinisches R
- s200; in der Form wie lateinisches S
- w400; vom griechischen Υ
- f500; in der Form wie lateinisches F
- ƕ700; [hʷ], ein eigener Buchstabe
- o800; langes [oː]
hlaifBrot (Akkusativ), aus dem gotischen Vaterunser; tschech. chléb ‚Brot‘ stammt von demselben germanischen Wort
Die Zahl neben jedem Buchstaben ist sein Zahlenwert. Das Alphabet hatte 27 Zeichen, von denen zwei (für 90 und 900) nur als Zahlzeichen dienten. Die Zeichen sind in der Schrift Noto Sans Gothic dargestellt.
Die Silberbibel
Die gotische Bibel ist nur in Bruchstücken erhalten, vor allem aus den Evangelien und den Paulusbriefen. Das kostbarste ist die Silberbibel (Codex argenteus) aus dem 6. Jahrhundert, mit Silber- und Goldtinte auf purpurgefärbtes Pergament geschrieben. Sie entstand höchstwahrscheinlich in Italien unter dem Ostgotenkönig Theoderich dem Großen (gest. 526), vielleicht in Ravenna. Von ihren ursprünglich 336 Blättern sind 188 erhalten.
Der Codex tauchte im 16. Jahrhundert in der Abtei Werden bei Essen auf und gelangte in die Sammlungen Kaiser Rudolfs II. in Prag. 1648 verschleppten ihn schwedische Truppen von dort als Kriegsbeute nach Stockholm; nach der Abdankung Königin Christinas brachte ihn Isaac Vossius in die Niederlande, wo ihn in den 1660er-Jahren Graf Magnus Gabriel De la Gardie kaufte und der Universität Uppsala schenkte, in deren Besitz er sich bis heute befindet. Das letzte Blatt wurde 1970 in Speyer gefunden. Seit 2011 gehört der Codex zum UNESCO-Weltdokumentenerbe (Memory of the World).

atta unsar þu in himinam, weihnai namo þein
- atta
- Vater
- unsar
- unser
- þu
- du
- in himinam
- in den Himmeln
- weihnai
- (er) möge geheiligt werden
- namo
- Name
- þein
- dein
Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name.Der Anfang des Vaterunsers (Matthäus 6,9) in der gotischen Übersetzung, wie sie in der Silberbibel erhalten ist. Für ‚Vater‘ verwendet das Gotische hier atta; fadar, verwandt mit engl. father, kommt in den gotischen Texten nur ein einziges Mal vor. Der Digraph ei steht für langes i, weihnai wurde also etwa [wiːhnɛː] ausgesprochen. Etwas weiter enthält das Gebet hlaif unsarana ‚unser Brot‘.
Germanen in den böhmischen Ländern
Nach den keltischen Boiern, nach denen Böhmen lateinisch Boiohaemum heißt (der zweite Teil des Namens wird meist von germanisch *haimaz ‚Heim‘ abgeleitet), kamen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. die germanischen Markomannen nach Böhmen. Sie wurden von Marbod angeführt, der dort einen mächtigen Stammesverband aufbaute; wo sein Sitz lag, ist nicht bekannt. Die Markomannen und die Quaden waren danach jahrhundertelang Nachbarn des Römischen Reiches, und von 166 bis 180 kämpften sie in den Markomannenkriegen gegen Rom. In der Völkerwanderungszeit zogen weitere germanische Gruppen durch die böhmischen Länder, darunter die Langobarden, und im 6. Jahrhundert kamen die Slawen.
Die älteste bekannte Inschrift aus slawischem Umfeld ist eine Runeninschrift. In eine Rinderrippe aus einer slawischen Siedlung in Lány bei Břeclav, aus der Zeit um 600, sind die letzten sieben Runen des älteren Futhark eingeritzt. Der Fund wurde 2021 von einem Team unter der Leitung von Jiří Macháček veröffentlicht; ob die Runen von einem Slawen oder von jemandem aus germanischem Umfeld eingeritzt wurden, bleibt offen.
Die germanischen Sprachen heute
Das Gotische starb im frühen Mittelalter aus; im 16. Jahrhundert zeichnete jedoch der flämische Diplomat Ogier Ghiselin de Busbecq einige Dutzend Wörter des Krimgotischen auf, das sich auf der Krim bis ins 18. Jahrhundert hielt und kein direkter Nachfahre von Wulfilas Gotisch war. Das Altnordische ist in den isländischen Sagas und Edden überliefert, und das Isländische steht ihm bis heute nahe. Etwa 515 Millionen Menschen sprechen eine germanische Sprache als Muttersprache; die größte ist Englisch (360–400 Millionen Muttersprachler), gefolgt von Deutsch (über 100 Millionen) und Niederländisch (etwa 24 Millionen).
Zeittafel
- 4.–2. Jh. v. Chr.?Der germanische Name Harigast auf dem Helm Negau B (Datierung unsicher).
- Ende 1. Jh. v. Chr.Die Markomannen unter Marbod ziehen nach Böhmen.
- um 98Tacitus schreibt die Germania.
- ca. 150–200Der Kamm von Vimose mit der Inschrift harja.
- 166–180Die Markomannenkriege Roms gegen Markomannen und Quaden.
- um 341Wulfila wird zum Bischof der Goten geweiht.
- um 369Überliefertes Datum für die Vollendung der gotischen Bibel.
- um 400Der Stein von Kylver mit der vollständigen Futhark-Reihe; der Stein von Tune.
- frühes 5. Jh.Die Goldhörner von Gallehus.
- 6. Jh.Die Silberbibel, höchstwahrscheinlich im ostgotischen Italien.
- um 600Runen auf der Rippe aus Lány bei Břeclav.
- 7.–8. Jh.In Skandinavien entsteht das jüngere Futhark mit 16 Runen.
- frühes 9. Jh.Der Runenstein von Rök.
- 10. Jh.Die Runensteine König Gorms und Harald Blauzahns in Jelling.
- 1648Schwedische Truppen verschleppen die Silberbibel aus Prag.
- 1865Sophus Bugge entziffert das ältere Futhark.
Germanische Sprachen auf dem Globus
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Quellen und weiterführende Literatur
- R. I. Page: Runes. British Museum Press, 1987.
- Michael P. Barnes: Runes: A Handbook. Boydell Press, 2012.
- Klaus Düwel: Runenkunde. Metzler, 4. Aufl. 2008.
- D. Gary Miller: The Oxford Gothic Grammar. Oxford University Press, 2019.
- Don Ringe: From Proto-Indo-European to Proto-Germanic. Oxford University Press, 2006.
- Macháček, J., Nedoma, R., Dresler, P. et al.: Runes from Lány (Czech Republic) – The oldest inscription among Slavs. A new standard for multidisciplinary analysis of runic bones. Journal of Archaeological Science 127 (2021), 105333.
- Glottolog 5 (Sprachen und ihre Klassifikation).