Atlas der Sprachen

Sprachen der Antike

Das alte Persien

Iran · von Kyros dem Großen bis Firdausi

Das Persische lässt sich schriftlich über zweieinhalb Jahrtausende verfolgen: von den Keilinschriften der persischen Könige über das Mittelpersische der sasanidischen Felsreliefs bis zum heutigen Persisch. Das Achämenidenreich war jedoch vielsprachig. Seine Beamten schrieben elamisch und aramäisch, und seine Könige ließen ihre Inschriften dreifach einmeißeln, auf Altpersisch, Elamisch und Babylonisch. Diese dreisprachigen Inschriften wurden zum Schlüssel für die Entzifferung der Keilschrift.

Ein Reich vieler Sprachen

Das Perserreich der Achämeniden entstand um 550 v. Chr., als Kyros II. der Große, Herrscher der Persis (der heutigen Provinz Fars im Südwesten Irans), die Meder besiegte. Kyros eroberte anschließend Lydien in Kleinasien und 539 v. Chr. Babylon; sein Sohn Kambyses II. fügte Ägypten hinzu. Unter Darius I. (reg. 522–486 v. Chr.) erstreckte sich das Reich von Ägypten und der Ägäis bis ins Industal und war das größte Reich seiner Zeit.

Eine einheitliche Staatssprache hatte es nicht. Königsinschriften wurden gewöhnlich dreifach eingemeißelt, auf Altpersisch, Elamisch und Babylonisch, in Ägypten zusätzlich in Hieroglyphen. Die Ämter im persischen Kernland führten ihre Aufzeichnungen vorwiegend auf Elamisch, und das Aramäische war die Sprache des schriftlichen Verkehrs zwischen den Provinzen. Das Persische selbst, die Sprache des Herrscherhauses, wurde selten geschrieben, und fast nur auf königlichen Denkmälern.

Das Grab Kyros’ II. des Großen (gest. 530 v. Chr.) in Pasargadai, der Königsstadt des Kyros in der Persis im Südwesten Irans.
Das Grab Kyros’ II. des Großen (gest. 530 v. Chr.) in Pasargadai, der Königsstadt des Kyros in der Persis im Südwesten Irans. Foto: Truth Seeker, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Altpersisch

Das Altpersische gehört zum iranischen Zweig der indogermanischen Sprachen. Es ist eine der beiden altiranischen Sprachen, die zusammenhängende Texte hinterlassen haben (die andere ist das Avestische), und eng mit dem Sanskrit verwandt. Seine Sprecher nannten es ariya, ‚arisch, iranisch‘; auf dasselbe Wort geht der Name Iran zurück. Altpersisch, Mittelpersisch und das heutige Persisch sind drei Stufen ein und derselben Sprache.

Altpersische Texte gibt es wenige. Es handelt sich vor allem um Königsinschriften von Darius I. bis Artaxerxes III. (6.–4. Jahrhundert v. Chr.), gefunden in Iran, im Irak, in der Türkei, in Armenien und in Ägypten. Die Inschriften der letzten Achämeniden weichen so stark von der Sprache des Darius ab, dass man sie als ‚vormittelpersisch‘ bezeichnet. Das Altpersische entlehnte viele Wörter aus der verwandten medischen Sprache, von der keine Texte erhalten sind: ‚Pferd‘ heißt altpersisch asa, in den Inschriften erscheint aber auch das medische aspa.

Relief an der Osttreppe des Apadana, der Audienzhalle von Persepolis: Gesandtschaften der unterworfenen Länder bringen dem König Gaben, hier Gefäße und Schalen. Das Apadana wurde von Darius I. begonnen und von Xerxes I. vollendet.
Relief an der Osttreppe des Apadana, der Audienzhalle von Persepolis: Gesandtschaften der unterworfenen Länder bringen dem König Gaben, hier Gefäße und Schalen. Das Apadana wurde von Darius I. begonnen und von Xerxes I. vollendet. Foto: Phillip Maiwald, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Behistun: drei Sprachen an einem Felsen

Darius I. kam 522 v. Chr. inmitten der Aufstände an die Macht, die nach dem Tod Kambyses’ II. ausgebrochen waren. Nach eigener Darstellung schlug er in einem einzigen Jahr neunzehn Schlachten gegen Anführer, die sich selbst zu Königen ausgerufen hatten. Seine Version der Ereignisse ließ er in die Kalksteinwand von Behistun meißeln (heute Bisotun; altiranisch *Bagastāna, griechisch Bagistanon, ‚Ort des Gottes / der Götter‘), etwa hundert Meter über der alten Straße von Babylon nach Ekbatana. Die Inschrift misst etwa 15 × 25 Meter: Der altpersische Text umfasst 414 Zeilen in fünf Kolumnen, der elamische 260 Zeilen in acht Kolumnen und der babylonische 112 Zeilen.

Der Text sollte im ganzen Reich verbreitet werden. In Ägypten wurde eine aramäische Übersetzung auf Papyrus aus der Regierungszeit Darius’ II. gefunden. Für die Entzifferung der Keilschrift spielte Behistun eine ähnliche Rolle wie der Rosettastein für die Hieroglyphen; wie Henry Rawlinson die Inschrift abschrieb und wie mit ihrer Hilfe das Babylonische gelesen wurde, erzählt die Seite über Mesopotamien.

Das Relief über der Behistun-Inschrift (Provinz Kermanschah, Westiran): Darius I., einen Bogen haltend, setzt den Fuß auf den besiegten Gaumata; hinter ihm stehen zwei Begleiter, vor ihm neun gefesselte Aufständische, und darüber schwebt eine geflügelte Gestalt, die gewöhnlich als Ahura Mazda gedeutet wird. Felder mit Keilschrifttext umgeben die Szene.
Das Relief über der Behistun-Inschrift (Provinz Kermanschah, Westiran): Darius I., einen Bogen haltend, setzt den Fuß auf den besiegten Gaumata; hinter ihm stehen zwei Begleiter, vor ihm neun gefesselte Aufständische, und darüber schwebt eine geflügelte Gestalt, die gewöhnlich als Ahura Mazda gedeutet wird. Felder mit Keilschrifttext umgeben die Szene. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

adam Dārayavauš xšāyaθiya vazraka xšāyaθiya xšāyaθiyānām

adam
ich
Dārayavauš
Darius
xšāyaθiya
König
vazraka
groß
xšāyaθiya xšāyaθiyānām
König der Könige (-ānām = Genitiv Plural)
Ich (bin) Darius, der große König, der König der Könige …So beginnt die Behistun-Inschrift (DB I 1); das Verb ‚bin‘ bleibt im Altpersischen hier unausgedrückt. Die Wörter sind durch das schräge Zeichen 𐏐 getrennt. Der Name Dārayavauš wird als ‚der das Gute festhält‘ gedeutet; die Griechen machten daraus Dareios. Der Titel ‚König der Könige‘ überlebte das Reich um ein Jahrtausend: Die sasanidischen Könige nannten sich šāhān šāh, und aus xšāyaθiya wurde šāh.

Eine neue Schrift für das Persische

Die altpersische Schrift sieht aus wie die mesopotamische Keilschrift, ist aber ein anderes System. Die Zeichen wurden in Stein gemeißelt, und es gibt nur einige Dutzend davon: 36 Lautzeichen, acht Logogramme (Zeichen für ganze Wörter, deren Gebrauch fakultativ war), einen schrägen Worttrenner und Zahlzeichen. Weder die Formen noch die Werte der Zeichen wurden aus der babylonischen Schrift übernommen; die meisten Forscher halten die Schrift für ein bewusst geschaffenes neues System. Sie verläuft von links nach rechts.

Wann und auf wessen Veranlassung sie geschaffen wurde, ist umstritten. In Behistun (Kolumne IV, Zeilen 88–92) sagt Darius, er habe die Inschrift ‚auf Arisch‘ anfertigen lassen (vollständig erhalten in der elamischen Fassung); viele Forscher sehen darin einen Hinweis auf die Schaffung der persischen Schrift, die Stelle ist jedoch schwer zu deuten. Kurze Inschriften im Namen Kyros’ II. in Pasargadai und im Namen von Vorfahren des Darius aus Hamadan gelten meist als später, unter Darius angefertigt. Nach einer anderen Auffassung (Rüdiger Schmitt) begann die Arbeit an der Schrift bereits unter Kyros.

Die Schrift wurde fast nur für Königsinschriften verwendet; der letzte König, der sie benutzte, war Artaxerxes III. (4. Jahrhundert v. Chr.). Aus der alltäglichen Verwaltung ist bislang nur ein einzelnes altpersisches Dokument auf einer Tontafel aus Persepolis bekannt.

Altpersische Zeichen

  • aVokal; wird auch nach einem Konsonanten geschrieben, um langes ā zu bezeichnen
  • iVokal
  • uVokal
  • ka
  • xax wie in schott. loch
  • ga
  • ta
  • θaθ wie engl. th
  • da
  • dieigene Form von d vor i
  • pa
  • ba
  • ma
  • ya
  • va
  • ra
  • ša
  • XŠLogogramm xšāyaθiya ‚König‘
  • AMLogogramm Auramazdā
  • \Worttrenner
  • 1Zahlzeichen
  • 10Zahlzeichen

xa-ša-a-ya-θa-i-yaxšāyaθiya ‚König‘: Das Zeichen xa steht auch für bloßes x, langes ā wird durch das Zeichen a bezeichnet und der Vokal i durch das Zeichen i

Es gibt 36 Lautzeichen: drei Vokale und 33 Zeichen für Konsonant plus Vokal. Nur einige Konsonanten (zum Beispiel d, m, v) haben eigene Formen vor i oder u; die übrigen haben ein einziges Zeichen. Die Schrift unterscheidet nicht zwischen einem Konsonanten mit folgendem a und einem Konsonanten ohne Vokal. Die Zeichen sind in der Schrift Noto Sans Old Persian wiedergegeben.

Ganjnameh bei Hamadan (dem antiken Ekbatana): zwei Felder mit dreisprachigen Inschriften Darius’ I. (oben links) und Xerxes’ I. (rechts). Abgesehen vom Namen und der Abstammung des Königs tragen beide denselben Text auf Altpersisch, Elamisch und Babylonisch.
Ganjnameh bei Hamadan (dem antiken Ekbatana): zwei Felder mit dreisprachigen Inschriften Darius’ I. (oben links) und Xerxes’ I. (rechts). Abgesehen vom Namen und der Abstammung des Königs tragen beide denselben Text auf Altpersisch, Elamisch und Babylonisch. Foto: Adam Jones, CC BY-SA 2.0, Wikimedia Commons
Das Tor aller Länder in Persepolis, erbaut unter Xerxes I. (reg. 486–465 v. Chr.). Den Eingang bewachen geflügelte Stiere mit Menschenköpfen, und das Tor trägt eine dreisprachige Inschrift des Xerxes.
Das Tor aller Länder in Persepolis, erbaut unter Xerxes I. (reg. 486–465 v. Chr.). Den Eingang bewachen geflügelte Stiere mit Menschenköpfen, und das Tor trägt eine dreisprachige Inschrift des Xerxes. Foto: Ggia, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Die Beamten schrieben elamisch und aramäisch

Im März 1933 fanden Archäologen der University of Chicago unter Ernst Herzfeld in zwei Räumen der nordöstlichen Befestigungsmauer von Persepolis Zehntausende Tontafeln und Fragmente. Dieses Festungsarchiv (Persepolis Fortification Archive) umfasst die Jahre 509–493 v. Chr. (das 13. bis 28. Regierungsjahr des Darius) und verzeichnet Lieferungen von Getreide, Wein, Bier, Obst und Vieh sowie Rationen für Arbeiter, Priester und Reisende. Mehr als 15.000 Dokumente sind elamisch, weniger als tausend aramäisch, und etwa 5000 Tafeln tragen nur Siegelabdrücke; je eine Tafel wurde auf Griechisch, Altpersisch, Babylonisch und Phrygisch gefunden. Richard Hallock veröffentlichte 1969 2087 elamische Tafeln, und die Arbeit am Archiv dauert an.

Für das Elamische, die Sprache eines alten Königreichs im Südwesten Irans, ist keine Verwandtschaft mit einer bekannten Sprache nachgewiesen. Die iranischen Namen und Wörter, die in den elamischen und aramäischen Tafeln vorkommen, gehören zu den ergiebigsten indirekten Quellen für das Altpersische und andere altiranische Dialekte.

Im gesamten Reich war jedoch das Aramäische die wichtigste Schriftsprache. Es war bereits im Assyrischen Reich zur Verkehrssprache geworden, und die Achämeniden verwendeten es im amtlichen Schriftverkehr von Ägypten bis Baktrien. Die meisten Texte sind aus Ägypten erhalten, etwa von der Nilinsel Elephantine, auf der eine Militärgarnison lag: Verträge, Briefe und Literatur wie die Geschichte des weisen Achikar.

Tontafeln und Fragmente aus dem Festungsarchiv von Persepolis, aufbewahrt im Oriental Institute der University of Chicago. Auf mehreren ist Keilschrifttext zu sehen; die meisten Dokumente des Archivs sind elamisch.
Tontafeln und Fragmente aus dem Festungsarchiv von Persepolis, aufbewahrt im Oriental Institute der University of Chicago. Auf mehreren ist Keilschrifttext zu sehen; die meisten Dokumente des Archivs sind elamisch. Foto: Pfa16, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Aramäische Papyri aus Elephantine

Eine aramäische Übersetzung der Behistun-Inschrift auf Papyrus aus Elephantine in Ägypten, aus der Regierungszeit Darius’ II. (spätes 5. Jahrhundert v. Chr.).
Eine aramäische Übersetzung der Behistun-Inschrift auf Papyrus aus Elephantine in Ägypten, aus der Regierungszeit Darius’ II. (spätes 5. Jahrhundert v. Chr.). Foto: Jona Lendering, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Papyrus mit der Geschichte des weisen Achikar auf Aramäisch, 5. Jahrhundert v. Chr., aus Elephantine in Ägypten. Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Berlin, ausgestellt im Neuen Museum.
Papyrus mit der Geschichte des weisen Achikar auf Aramäisch, 5. Jahrhundert v. Chr., aus Elephantine in Ägypten. Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Berlin, ausgestellt im Neuen Museum. Foto: Osama Shukir Muhammed Amin, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Der Kyros-Zylinder: eine Inschrift Kyros’ II. in babylonischer (akkadischer) Keilschrift aus der Zeit nach der Eroberung Babylons 539 v. Chr. Gebrannter Ton, etwa 22 cm lang. British Museum, London.
Der Kyros-Zylinder: eine Inschrift Kyros’ II. in babylonischer (akkadischer) Keilschrift aus der Zeit nach der Eroberung Babylons 539 v. Chr. Gebrannter Ton, etwa 22 cm lang. British Museum, London. Foto: Prioryman, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Mittelpersisch und die Schriften aus dem Aramäischen

Alexander der Große nahm 330 v. Chr. Persepolis ein, und die Paläste der Stadt gingen in Flammen auf; das Festungsarchiv überdauerte unter den eingestürzten Mauern. Nach Alexanders Nachfolgern, den Seleukiden, herrschten in Iran die Parther (Arsakiden) und ab 224 n. Chr. die Sasaniden, die wie vor ihnen die Achämeniden aus der Persis stammten. Die Sprache ihres Reiches war das Mittelpersische, ein direkter Nachfahre des Altpersischen mit einer viel einfacheren Grammatik.

Die Keilschrift wurde nicht mehr verwendet. Iranische Sprachen wurden in aus dem Aramäischen abgeleiteten Schriften geschrieben, die zusammenfassend Pahlavi heißen. Viele häufige Wörter wurden darin aramäisch geschrieben, aber iranisch gelesen: Das aramäische 𐡌𐡋𐡊𐡀 malkā ‚König‘ schrieben die Sasaniden in ihren Inschriften als 𐭬𐭫𐭪𐭠 (MLKA), sprachen es aber šāh aus; das Wort für Brot wurde als aramäisch LḤMʾ geschrieben und nān gelesen. Solche Wörter heißen Heterogramme (mittelpersisch huzwārišn) und ähneln den Sumerogrammen des Akkadischen und Hethitischen.

Die wichtigste sasanidische Inschrift ist der Bericht Schapurs I. über seine Kriege mit Rom an den Wänden des Turms Kaʿba-ye Zartosht in Naqsh-e Rostam, entdeckt 1936–1939. Wie Behistun ist sie dreisprachig, nur die Sprachen sind andere: Mittelpersisch (35 Zeilen), Parthisch (30 Zeilen) und Griechisch (70 Zeilen). Unter anderem behauptet Schapur, Kaiser Valerian eigenhändig gefangen genommen zu haben.

Zwei der vier Felsgräber achämenidischer Könige in Naqsh-e Rostam bei Persepolis. Unterhalb der Gräber befinden sich Reliefs sasanidischer Könige.
Zwei der vier Felsgräber achämenidischer Könige in Naqsh-e Rostam bei Persepolis. Unterhalb der Gräber befinden sich Reliefs sasanidischer Könige. Foto: Laurens R. Krol, CC BY 4.0, Wikimedia Commons
Relief des Triumphs Schapurs I. über Rom in Naqsh-e Rostam (3. Jahrhundert n. Chr.). Ein Römer kniet vor dem König, einen anderen hält Schapur am Handgelenk; meist sieht man in ihnen die Kaiser Philippus Arabs und Valerian, die Identifizierung der Gestalten ist jedoch umstritten.
Relief des Triumphs Schapurs I. über Rom in Naqsh-e Rostam (3. Jahrhundert n. Chr.). Ein Römer kniet vor dem König, einen anderen hält Schapur am Handgelenk; meist sieht man in ihnen die Kaiser Philippus Arabs und Valerian, die Identifizierung der Gestalten ist jedoch umstritten. Foto: Diego Delso, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Das Avesta: heilige Texte, Jahrhunderte später aufgeschrieben

Das Avesta ist die Sammlung der heiligen Texte des Zoroastrismus, verfasst im Avestischen, der zweiten altiranischen Sprache. Sein ältester Teil, die Zarathustra selbst zugeschriebenen Gathas, steht sprachlich dem indischen Rigveda sehr nahe. Ihre Datierung ist umstritten: Die ältere Forschung setzte sie ins 6. Jahrhundert v. Chr., heute überwiegen Datierungen ins 2. oder frühe 1. Jahrtausend v. Chr.

Die Texte wurden jahrhundertelang mündlich überliefert. Aufgeschrieben wurden sie erst unter den Sasaniden, wahrscheinlich im 5. oder 6. Jahrhundert n. Chr., und eigens dafür wurde eine besondere Schrift geschaffen. Sie beruht auf dem Buchpahlavi, hat aber 53 Zeichen und gibt, anders als das Pahlavi, die Vokale genau wieder, damit die heiligen Texte korrekt rezitiert werden konnten, wie in 𐬀𐬵𐬎𐬭𐬀 ahura ‚Herr‘. Sie wird von rechts nach links geschrieben.

Das sasanidische Avesta ging verloren; erhalten sind nur die in der Liturgie verwendeten Teile, und die älteste erhaltene Handschrift stammt von 1323. In Europa bekannt machte das Avesta Abraham Hyacinthe Anquetil-Duperron, der Handschriften von den Parsen, den iranischen Zoroastriern Indiens, erwarb und 1771 eine französische Übersetzung veröffentlichte.

Eine Avesta-Handschrift in der Bodleian Library, Oxford (MS J2): der Anfang der Gathas, Yasna 28.1. Die avestische Schrift wird von rechts nach links gelesen.
Eine Avesta-Handschrift in der Bodleian Library, Oxford (MS J2): der Anfang der Gathas, Yasna 28.1. Die avestische Schrift wird von rechts nach links gelesen. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

Neupersisch in arabischer Schrift

651 fiel das Sasanidenreich den arabischen Heeren zum Opfer, und das Arabische wurde zur Sprache der Religion und der Verwaltung. Das Persische verschwand nicht. Seit dem 9. Jahrhundert wird es in arabischer Schrift geschrieben, erweitert um Buchstaben für Laute, die dem Arabischen fehlen (p, č, ž, g). Es entlehnte viele arabische Wörter, nach der Schätzung von John R. Perry etwa ein Fünftel des Alltagswortschatzes, in Grammatik und Grundwortschatz setzt es jedoch das Mittelpersische fort. Die Pahlavi-Schrift überlebte nur in der zoroastrischen religiösen Literatur.

Die neupersische Dichtung entstand im 9. und 10. Jahrhundert an den Höfen iranischer Dynastien. Zwischen 977 und 1010 goss Firdausi aus Tus die Geschichte der iranischen Könige in Verse, als Schahname, das ‚Königsbuch‘, ein Epos von mehr als 50.000 Doppelversen. Er stützte sich auf eine Prosafassung, die größtenteils eine Übersetzung der mittelpersischen Chronik Khwaday-Namag aus der Sasanidenzeit war. Das Persische wurde danach zu einer Sprache der Kultur und der Regierung von Anatolien bis Indien. Heute sprechen es rund 130 Millionen Menschen; in Iran (Farsi) und Afghanistan (Dari) wird es in arabischer Schrift geschrieben, in Tadschikistan in kyrillischer.

Das Königsbuch

Eine Seite der Beiruter Handschrift von Firdausis Schahname mit einem Teil der Geschichte Alexanders des Großen (Iskandar), ca. 1250–1350. Bibliothèque Orientale, Université Saint-Joseph, Beirut.
Eine Seite der Beiruter Handschrift von Firdausis Schahname mit einem Teil der Geschichte Alexanders des Großen (Iskandar), ca. 1250–1350. Bibliothèque Orientale, Université Saint-Joseph, Beirut. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons
Rustam im Kampf mit Schaghad, Miniatur aus einer Schahname-Handschrift, Schiras, um 1520. Shangri La Museum of Islamic Art, Culture & Design, Honolulu.
Rustam im Kampf mit Schaghad, Miniatur aus einer Schahname-Handschrift, Schiras, um 1520. Shangri La Museum of Islamic Art, Culture & Design, Honolulu. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

Eine Sprache, zweieinhalb Jahrtausende

Wörter aus den altpersischen Inschriften mit ihren mittel- und neupersischen Formen. Einige zeigen auch ihre indogermanische Verwandtschaft mit dem Englischen oder dem Lateinischen:

AltpersischMittel- → NeupersischBedeutung
brātābrād(ar) → barādarBruder (verwandt mit engl. brother)
pitāpidar → pedarVater (verwandt mit engl. father)
nāmanām → nāmName (verwandt mit engl. name)
māhamāh → māhMond, Monat (verwandt mit engl. moon, month)
martiyamard → mardMensch, Mann; ursprünglich ‚Sterblicher‘ (vgl. lat. mors ‚Tod‘)
xšāyaθiyašāh → šāhKönig
vazrakawuzurg → bozorggroß
dastadast → dastHand
draugadrōw → dorūġLüge; in der Behistun-Inschrift ‚logen‘ die Aufständischen
asaasp → asb (aus medisch aspa)Pferd

Die Entzifferung von persischer Seite

Europa kannte die Keilinschriften von Persepolis seit dem 17. Jahrhundert. Getreue Abschriften veröffentlichten Jean Chardin (1711) und Carsten Niebuhr, der Persepolis 1765 besuchte (seine Abschriften erschienen 1778) und in den Inschriften drei verschiedene Schriften unterschied. Die einfachste von ihnen, mit einigen Dutzend Zeichen, war das Altpersische.

1802 vermutete Friedrich Münter, dass eine häufig wiederkehrende Zeichengruppe ‚König‘ bedeute. Im selben Jahr gab Georg Friedrich Grotefend, ein Göttinger Schullehrer, bekannt, er habe in den Inschriften die Namen des Darius, seines Vaters Hystaspes und seines Sohnes Xerxes gefunden. Er ging davon aus, dass die achämenidischen Inschriften ähnlich aufgebaut seien wie die der sasanidischen Könige (‚X, großer König, König der Könige, Sohn des Y‘), die Antoine Isaac Silvestre de Sacy zuvor gelesen hatte. Nur die Werte von acht Zeichen bestimmte er richtig, und die Fachwelt lehnte seine Arbeit ab. Die Bestätigung kam 1823, als Champollion auf einer Alabastervase eine hieroglyphische Inschrift mit dem Namen des Xerxes las und Antoine-Jean Saint-Martin zeigte, dass deren keilschriftliche Fassung dieselben Wörter enthielt.

Vollendet wurde die Entzifferung von Eugène Burnouf, Christian Lassen und Henry Rawlinson, der 1846–1847 den vollständigen altpersischen Text der Behistun-Inschrift veröffentlichte. Das Altpersische wurde dann zum Schlüssel für die elamische und die babylonische Fassung und damit für die Keilschrift insgesamt. Auszüge aus der Behistun-Inschrift und anderen altiranischen Texten übersetzte der Iranist Otakar Klíma ins Tschechische (Sláva a pád starého Íránu, 1977; Oběti ohňům, 1985).

Zeittafel

  1. um 550 v. Chr.Kyros II. besiegt die Meder; das Achämenidenreich entsteht.
  2. 539 v. Chr.Kyros erobert Babylon; der Kyros-Zylinder.
  3. 522 v. Chr.Darius I. besteigt den Thron; bald darauf lässt er die Behistun-Inschrift einmeißeln.
  4. 509–493 v. Chr.Elamische und aramäische Tafeln des Festungsarchivs von Persepolis.
  5. 5. Jh. v. Chr.Aramäische Papyri aus Elephantine.
  6. 330 v. Chr.Alexander der Große brennt Persepolis nieder; Ende des Achämenidenreichs.
  7. 224 n. Chr.Die Sasaniden kommen an die Macht; Mittelpersisch ist Staatssprache.
  8. nach 260Schapurs dreisprachige Inschrift an der Kaʿba-ye Zartosht.
  9. ca. 5.–6. Jh.Die avestische Schrift wird geschaffen und das Avesta aufgeschrieben.
  10. 651Untergang des Sasanidenreichs nach der arabischen Eroberung.
  11. 9. Jh.Neupersisch in arabischer Schrift.
  12. 1010Firdausi vollendet das Schahname.
  13. 1323Älteste erhaltene Avesta-Handschrift.
  14. 1802Grotefend liest die Namen achämenidischer Könige.
  15. 1847Rawlinson veröffentlicht den altpersischen Text von Behistun.
  16. 1933Entdeckung des Festungsarchivs von Persepolis.

Iranische Sprachen auf dem Globus

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Quellen und weiterführende Literatur

  • Roland G. Kent: Old Persian. Grammar, Texts, Lexicon. American Oriental Society, 2nd ed. 1953.
  • Rüdiger Schmitt: Die altpersischen Inschriften der Achaimeniden. Reichert, 2009.
  • Pierre Briant: From Cyrus to Alexander. A History of the Persian Empire. Eisenbrauns, 2002.
  • Amélie Kuhrt: The Persian Empire. A Corpus of Sources from the Achaemenid Period. Routledge, 2007.
  • Otakar Klíma: Sláva a pád starého Íránu (Ruhm und Fall des alten Iran). Orbis, Prague 1977 (Reihe Stopy, fakta, svědectví).
  • Otakar Klíma: Oběti ohňům. Výběr z památek staroíránské a středoíránské literatury (Opfer an die Feuer: Eine Auswahl aus der alt- und mitteliranischen Literatur). Odeon, Prague 1985.
  • Glottolog 5 (Sprachen und ihre Klassifikation).

Illustration: Atlas der Sprachen. Fotografien: Wikimedia Commons, Urheber und Lizenzen jeweils beim Bild. Text: Atlas der Sprachen, auf Grundlage der oben aufgeführten Fachliteratur.

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