Atlas der Sprachen

Sprachen der Antike

Armenier und Georgier

Der Kaukasus · vom Alphabet des Maschtoz bis zu den drei georgischen Schriften

Zu Beginn des 5. Jahrhunderts erhielten zwei christliche Völker des Südkaukasus eigene Schriften. Das armenische Alphabet, der Überlieferung nach um 405 von dem Mönch Mesrop Maschtoz geschaffen, und die georgische Schrift, deren Ursprung bis heute umstritten ist, sind seit mehr als fünfzehnhundert Jahren ununterbrochen in Gebrauch. Die Sprachen, die sie wiedergeben, sind nicht miteinander verwandt: Das Armenische bildet einen eigenen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie, das Georgische dagegen gehört zur kleinen kartwelischen Sprachfamilie, für die keine Verwandtschaft mit irgendeiner anderen Sprache nachgewiesen ist.

Zwischen Rom und Persien

Armenien lag auf dem Armenischen Hochland zwischen Kleinasien, Mesopotamien und dem Kaukasus, in Gebieten, die einst Urartu beherrscht hatte. Seit dem frühen 2. Jahrhundert v. Chr. regierte dort eine einheimische Dynastie, die Artaxiden, später eine Linie der parthischen Arsakiden. Jahrhundertelang stand das Land zwischen zwei Großmächten, Rom und dem Partherreich, später dem Sasanidenreich. 387 teilten die beiden Reiche es auf; etwa vier Fünftel fielen an Persien, und das armenische Königtum wurde dort 428 abgeschafft.

Nördlich von Armenien lagen die georgischen Königreiche: im Osten Kartlien, das griechische und römische Autoren Iberien nannten, mit der Hauptstadt Mzcheta; im Westen, am Schwarzen Meer, Kolchis. Beide Länder wurden im 4. Jahrhundert christlich: Armenien der Überlieferung nach 301 unter König Tiridates III. (manche Forscher bevorzugen ein späteres Datum), Kartlien unter König Mirian III. 326 oder 337. Zuvor schrieben beide in fremden Sprachen und Schriften, vor allem Aramäisch und Griechisch: Der zweisprachige griechisch-aramäische Grabstein aus Armasi bei Mzcheta stammt aus den ersten Jahrhunderten n. Chr., und armenische Könige prägten Münzen mit aramäischen und griechischen Legenden.

Münzen, die dem armenischen König Artaxias (Artaschesch) zugeschrieben werden: oben aus der früheren Serie mit aramäischer Legende, unten aus der späteren Serie mit griechischer Legende und einem Füllhorn auf der Rückseite. Bevor die Armenier eine eigene Schrift hatten, schrieben sie Aramäisch und Griechisch.
Münzen, die dem armenischen König Artaxias (Artaschesch) zugeschrieben werden: oben aus der früheren Serie mit aramäischer Legende, unten aus der späteren Serie mit griechischer Legende und einem Füllhorn auf der Rückseite. Bevor die Armenier eine eigene Schrift hatten, schrieben sie Aramäisch und Griechisch. Foto: Leu Numismatik, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Zwei nicht verwandte Sprachen

Das Armenische bildet einen eigenen Zweig innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie, wie das Griechische oder das Albanische. Seine Verwandtschaft mit den übrigen indogermanischen Sprachen wird durch Lautwandel verdeckt: Armenisch hayr „Vater“ entspricht lateinisch pater, weil anlautendes p im Armenischen zu h wurde. Nach Gevorg Dschahukjan sind nur etwa 1500 Wörter aus dem Urindogermanischen erhalten; viele andere wurden aus iranischen Sprachen entlehnt, vor allem aus dem Parthischen. Deshalb hielt man das Armenische lange für eine iranische Sprache, bis Heinrich Hübschmann 1875 mit der vergleichenden Methode die iranischen Lehnwörter vom ererbten Wortschatz trennte. Eine verbreitete Hypothese (Holger Pedersen, Antoine Meillet) sieht im Griechischen seinen nächsten Verwandten; die Frage ist weiterhin offen.

Das Georgische gehört zusammen mit dem Mingrelischen, dem Lasischen und dem Swanischen zur kartwelischen Sprachfamilie. Eine Verwandtschaft mit irgendeiner anderen Sprachfamilie, auch mit den übrigen kaukasischen Familien, ist nicht nachgewiesen. Das Georgische ist agglutinierend: Ein Verb kann sowohl Subjekt als auch Objekt kennzeichnen und bis zu acht Morpheme enthalten; das Subjekt eines transitiven Verbs steht in der Vergangenheit im Ergativ; es gibt kein grammatisches Geschlecht und keinen Artikel; und die Zahlen von 20 bis 99 werden in Zwanzigern gezählt. Im Georgischen bedeutet mama „Vater“ und deda „Mutter“; die Ähnlichkeit mit Lallwörtern anderer Sprachen ist zufällig.

Verwandte und Fremde

Armenische Wörter haben Entsprechungen in anderen indogermanischen Sprachen, auch wenn der Lautwandel sie oft verschleiert. Georgische Wörter derselben Bedeutung sind damit nicht verwandt:

Armenischindogermanische EntsprechungenGeorgisch
մայր mayr „Mutter“lat. māter, griech. mḗtēr, engl. motherდედა deda
հայր hayr „Vater“lat. pater, griech. patḗr, engl. fatherმამა mama
եղբայր ełbayr „Bruder“lat. frāter, engl. brotherძმა ʒma
դուստր dustr „Tochter“griech. thygátēr, engl. daughterქალიშვილი kališvili
կին kin „Frau“griech. gynḗ, engl. queenქალი kali
անուն anun „Name“lat. nōmen, engl. nameსახელი saxeli
նոր nor „neu“lat. novus, engl. newახალი axali
տուն tun „Haus“lat. domus, griech. dómosსახლი saxli
դուռ duṙ „Tür“griech. thýra, engl. doorკარი ḳari
սիրտ sirt „Herz“lat. cor, engl. heartგული guli
մուկ muk „Maus“lat. mūs, engl. mouseთაგვი tagvi
ութ utʻ „acht“lat. octō, engl. eightრვა rva

Maschtoz und das armenische Alphabet

Die armenischen Quellen stimmen darin überein, dass das armenische Alphabet von Mesrop Maschtoz (um 361–440) geschaffen wurde. Die wichtigste Quelle ist seine Lebensbeschreibung, die sein Schüler Koriun in den 440er-Jahren verfasste. Maschtoz beherrschte Griechisch, Persisch und Syrisch und diente am Königshof in Wagharschapat, bevor er Mönch und Prediger wurde. Damals las man in den armenischen Kirchen aus griechischen und syrischen Büchern, und der Text musste gedolmetscht werden.

Mit Unterstützung des Katholikos Sahak Parthew und des Königs Wramschapuh machte er sich daran, eine Schrift für das Armenische zu finden. Nach Koriun versuchte er es zunächst mit Buchstaben, die ein syrischer Bischof namens Daniel besaß (die sogenannten Danielschen Buchstaben), doch sie erwiesen sich als unzureichend. Daraufhin reiste er nach Edessa und Samosata im nördlichen Mesopotamien; dort vollendete er ein Alphabet aus 36 Buchstaben, und ein griechischer Schreiber namens Rufinus gab den Buchstaben ihre endgültige Form. Der Überlieferung nach geschah dies 405; der armenische Sprachwissenschaftler Hratschja Atscharjan kam auf 404.

Maschtoz gründete anschließend Schulen, in denen die Jugend die neue Schrift lernte, und schickte Schüler nach Edessa, Konstantinopel, Alexandria und in andere Zentren der Gelehrsamkeit, um griechische Handschriften zu beschaffen. Die Bibel wurde zunächst aus dem Syrischen und dann erneut aus der griechischen Septuaginta übersetzt; diese um 434 vollendete Fassung wird von der Armenischen Kirche bis heute verwendet. Maschtoz starb 440 und ist in Oschakan begraben. Die Armenische Kirche verehrt ihn als Heiligen und begeht ihn zusammen mit anderen am Fest der Heiligen Übersetzer.

Mesrop Maschtoz auf einem Gemälde des venezianischen Malers Francesco Maggiotto (1750–1805): Ein Engel zeigt ihm Buchstaben, die auf eine Tafel geschrieben sind.
Mesrop Maschtoz auf einem Gemälde des venezianischen Malers Francesco Maggiotto (1750–1805): Ein Engel zeigt ihm Buchstaben, die auf eine Tafel geschrieben sind. Foto: Francesco Maggiotto, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Čanačʻel zimastutʻiwn ew zxrat, imanal zbans hančaroy.

čanačʻel
erkennen (Infinitiv)
z-imastutʻiwn
Weisheit; die Präposition z- kennzeichnet das Objekt
ew
und
z-xrat
Unterweisung, Zucht
imanal
verstehen
z-bans
Worte (ban „Wort“, -s Akkusativ Plural)
hančaroy
der Einsicht (hančar, -oy Genitiv)
Weisheit und Zucht zu erkennen, die Worte der Einsicht zu verstehen.Sprüche 1,2 in klassischem Armenisch, der Überlieferung nach der erste Satz, der in der Schrift des Maschtoz geschrieben wurde. Die Übersetzung folgt der griechischen Septuaginta fast Wort für Wort: γνῶναι σοφίαν καὶ παιδείαν, νοῆσαί τε λόγους φρονήσεως. Der Laut u wird mit dem Paar ու (o + w) geschrieben, so wie das Griechische ου schreibt. Etymologen verbinden das Verb čanačʻel mit engl. know, lat. (g)nōscere und griech. gignṓskō.

Buchstaben nach griechischem Vorbild

Die armenische Schrift ist ein echtes Alphabet: Anders als die syrische Schrift oder die Pahlavi-Schrift hat sie wie das Griechische eigene Buchstaben für alle Vokale. Nach vorherrschender Ansicht war das Griechische auch ihr Vorbild. Die Reihenfolge der Buchstaben folgt im Großen und Ganzen dem griechischen Alphabet, wobei Buchstaben für Laute, die dem Griechischen fehlen (etwa ž, x, c oder č), dazwischen eingefügt sind, und die Formen einiger Buchstaben wie թ, փ und բ erinnern an griechisch θ, φ und β. Andere Forscher haben Vorbilder auch in der Pahlavi- oder der syrischen Schrift gesucht; wie genau Maschtoz die Buchstabenformen entwarf, ist unbekannt.

Die Buchstaben dienten wie im Griechischen auch als Zahlzeichen: Die ersten neun stehen für die Einer, die nächsten neun für die Zehner, dann folgen Hunderter und Tausender bis Ք = 9000. Im Mittelalter kamen zwei Buchstaben hinzu, Օ für o und Ֆ für f, sodass das Alphabet 38 Buchstaben zählt. Die älteste Schriftart ist die Majuskel Erkatagir („eiserne Buchstaben“); aus ihr entstanden ab dem 10. Jahrhundert die rundere Bolorgir, die seit dem 16. Jahrhundert die Grundlage der Drucktypen bildet, sowie weitere kursive Schriftarten. Sowjetarmenien reformierte in den 1920er-Jahren die Rechtschreibung. Die Armenier im Ausland, die meist Westarmenisch sprechen, und die Armenier im Iran verwenden weiterhin die traditionelle Orthographie.

Das armenische Alphabet

  • aayb · 1
  • bben · 2
  • ggim · 3
  • dda · 4
  • eečʻ · 5
  • zza · 6
  • ēē · 7
  • əətʻ · 8; reduzierter Vokal (Schwa)
  • tʻtʻo · 9; aspiriertes t
  • žžē · 10
  • iini · 20
  • lliwn · 30
  • xxē · 40; wie in schottisch loch
  • łłat · 90; dunkles l, heute ɣ
  • mmen · 200
  • nnu · 400
  • kʻkʻē · 9000; der letzte der ursprünglichen 36
  • ōō; im Mittelalter hinzugefügt
  • ffē; im Mittelalter hinzugefügt

HayastanArmenien: hay „Armenier“ mit dem Suffix -astan „Land“ iranischer Herkunft

Eine Auswahl von Buchstaben; links der Großbuchstabe, rechts der Kleinbuchstabe; nach dem Punkt der traditionelle Buchstabenname und sein Zahlenwert. Transliteration nach Hübschmann und Meillet, wobei ʻ einen aspirierten Konsonanten kennzeichnet. In Unicode (Block U+0530–U+058F) tragen die Buchstaben englische Namen wie ARMENIAN CAPITAL LETTER AYB; ղ heißt dort GHAD und ն NOW. Die Zeichen sind in der Schrift Noto Serif Armenian dargestellt.

Eine mit armenischen Inschriften bedeckte Wand im Kloster Howhannawank oberhalb der Kasach-Schlucht bei Jerewan. Sie sind in der Majuskel Erkatagir gemeißelt, die für Inschriften bis heute bevorzugt wird.
Eine mit armenischen Inschriften bedeckte Wand im Kloster Howhannawank oberhalb der Kasach-Schlucht bei Jerewan. Sie sind in der Majuskel Erkatagir gemeißelt, die für Inschriften bis heute bevorzugt wird. Foto: Adam Jones, CC BY-SA 2.0, Wikimedia Commons

Grabar: die Sprache der Übersetzer und Gelehrten

Das Armenische des 5. Jahrhunderts heißt Grabar, „Schriftsprache“; es ist die älteste bezeugte Form des Armenischen. Die Schüler des Maschtoz übersetzten nicht nur die Bibel, sondern auch die Liturgie, die Beschlüsse der Kirchenkonzile und Werke der griechischen und syrischen Kirchenväter. Manche Werke sind nur auf Armenisch erhalten: Der erste Teil der Chronik des Eusebius (die Chronographie) etwa, von dem auf Griechisch nur Fragmente vorliegen, ist vollständig nur aus der armenischen Übersetzung bekannt. Daneben entstanden eine eigenständige Literatur, Geschichtsschreibung und Philosophie, und die armenische Tradition betrachtet das 5. Jahrhundert als goldenes Zeitalter.

Grabar blieb bis ins 19. Jahrhundert die Schriftsprache; selbst die erste armenische Zeitschrift, Azdarar, die ab 1794 in Madras in Indien herausgegeben wurde, erschien auf Grabar. Inzwischen hatte sich das gesprochene Armenisch verändert, und im 19. Jahrhundert entstanden zwei neue Schriftsprachen: das Ostarmenische mit dem Zentrum Tiflis, später Jerewan, und das Westarmenische in Istanbul. Grabar ist bis heute die Liturgiesprache der Armenischen Kirche, und für die vergleichende Sprachwissenschaft ist es ein wichtiger Zeuge bei der Rekonstruktion des Urindogermanischen.

Eine armenische Handschrift, 1795 von dem Schreiber Chatschatur kopiert. Ihr Haupttext ist ein Werk über die Bewegungen des Himmels von dem Gelehrten Howhannes Ersnkazi aus dem 13. Jahrhundert; links ein Astronom mit Fernrohr unter Sonne und Mond. Wellcome Collection, London.
Eine armenische Handschrift, 1795 von dem Schreiber Chatschatur kopiert. Ihr Haupttext ist ein Werk über die Bewegungen des Himmels von dem Gelehrten Howhannes Ersnkazi aus dem 13. Jahrhundert; links ein Astronom mit Fernrohr unter Sonne und Mond. Wellcome Collection, London. Foto: Wellcome Collection, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Das Matenadaran

Armenische Handschriften sind in außergewöhnlich großer Zahl erhalten, obwohl viele in Kriegen verloren gingen: Nach dem mittelalterlichen Geschichtsschreiber Stepanos Orbeljan verbrannten die Seldschuken 1170 in der Festung Baghaberd mehr als 10.000 Handschriften. Aufbewahrt wurden sie in den Bibliotheken der großen Klöster wie Haghpat, Sanahin oder Tatew. Auf Armenisch heißt eine solche Bibliothek matenadaran, „Aufbewahrungsort der Bücher“; beide Bestandteile des Wortes sind mittelpersischen Ursprungs.

Die größte Sammlung besitzt heute das Matenadaran in Jerewan, das Mesrop-Maschtoz-Institut für alte Handschriften. Den Kern bildet die Bibliothek des Katholikossats in Etschmiadsin, die 1920 verstaatlicht wurde; als Institut wurde es 1959 gegründet, und seit 1962 trägt es den Namen des Maschtoz. Es verwahrt rund 23.000 Handschriften und Fragmente in armenischer und anderen Sprachen, und seit 1997 gehört seine Sammlung zum UNESCO-Weltdokumentenerbe (Memory of the World). Das Wehamor-Evangeliar, wahrscheinlich aus dem 7. Jahrhundert, gilt als das älteste vollständige armenische Buch; auch das Lasarew-Evangeliar von 887 (benannt nach dem Lasarew-Institut in Moskau) gehört zu den ältesten Bänden der Sammlung. Das Etschmiadsin-Evangeliar von 989 ist in Elfenbeindeckel aus dem 6. Jahrhundert gebunden.

Das Matenadaran in Jerewan. Davor steht Ghukas Tschubarjans Statue des Mesrop Maschtoz mit seinem Schüler Koriun (1962, in Basalt 1967), darüber Statuen von sechs mittelalterlichen armenischen Gelehrten.
Das Matenadaran in Jerewan. Davor steht Ghukas Tschubarjans Statue des Mesrop Maschtoz mit seinem Schüler Koriun (1962, in Basalt 1967), darüber Statuen von sechs mittelalterlichen armenischen Gelehrten. Foto: Vyacheslav Argenberg, CC BY 4.0, Wikimedia Commons

Das Etschmiadsin-Evangeliar

Der elfenbeinerne Vorderdeckel des Etschmiadsin-Evangeliars, wahrscheinlich eine byzantinische Arbeit des 6. Jahrhunderts, in der Mitte die Gottesmutter mit dem Kind. Matenadaran, Jerewan.
Der elfenbeinerne Vorderdeckel des Etschmiadsin-Evangeliars, wahrscheinlich eine byzantinische Arbeit des 6. Jahrhunderts, in der Mitte die Gottesmutter mit dem Kind. Matenadaran, Jerewan. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons
Der thronende Christus zwischen zwei Heiligen unter einem verzierten Bogen, eine Miniatur aus dem Etschmiadsin-Evangeliar, einer 989 vollendeten Handschrift.
Der thronende Christus zwischen zwei Heiligen unter einem verzierten Bogen, eine Miniatur aus dem Etschmiadsin-Evangeliar, einer 989 vollendeten Handschrift. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons
Eine Seite des Etschmiadsin-Evangeliars (Matenadaran, MS 2374, 989) in der Majuskel Erkatagir. Die kleinen Zeichen im Text sind ekphonetische Zeichen, die den gesungenen Vortrag leiten.
Eine Seite des Etschmiadsin-Evangeliars (Matenadaran, MS 2374, 989) in der Majuskel Erkatagir. Die kleinen Zeichen im Text sind ekphonetische Zeichen, die den gesungenen Vortrag leiten. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons
Ein Evangeliar, 1337 in Soltanije im Nordwesten Irans von dem Schreiber und Maler Awag geschrieben und illuminiert. Matenadaran, Jerewan.
Ein Evangeliar, 1337 in Soltanije im Nordwesten Irans von dem Schreiber und Maler Awag geschrieben und illuminiert. Matenadaran, Jerewan. Foto: Poshotenk, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Das Kloster Tatew in Südarmenien oberhalb der Worotan-Schlucht. Im 9. Jahrhundert gegründet, beherbergte es im 14. und 15. Jahrhundert eine der bedeutendsten mittelalterlichen armenischen Universitäten.
Das Kloster Tatew in Südarmenien oberhalb der Worotan-Schlucht. Im 9. Jahrhundert gegründet, beherbergte es im 14. und 15. Jahrhundert eine der bedeutendsten mittelalterlichen armenischen Universitäten. Foto: Diego Delso, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Die Anfänge der georgischen Schrift

Die georgische Schrift ist seit dem 5. Jahrhundert bezeugt. Die meisten Forscher verbinden ihre Entstehung mit der Christianisierung Kartliens; am wahrscheinlichsten entstand sie also zwischen der Bekehrung König Mirians III. und den ältesten erhaltenen Inschriften. Von Anfang an diente sie der Übersetzung der Bibel und kirchlicher Texte, die Mönche sowohl in Georgien als auch in Palästina anfertigten. Bruchstückhafte Inschriften aus Nekresi in Kachetien, die Lewan Tschilaschwili in den 1980er-Jahren ins 2. oder 1. Jahrhundert v. Chr. datierte, haben andere Forscher nicht als so alt anerkannt.

Die ältesten erhaltenen georgischen Inschriften stammen nicht aus Georgien, sondern aus dem Heiligen Land. 1952 grub der italienische Archäologe Virgilio Canio Corbo in Bir el-Qutt, etwa 2 km nördlich von Bethlehem, ein georgisches Kloster aus, dessen Mosaikboden vier Inschriften in Asomtawruli trägt. Zwei davon werden üblicherweise um 430 datiert; eine nennt nach der gängigen Lesung Petrus den Iberer, einen georgischen Prinzen und späteren Mönch, noch mit seinem weltlichen Namen Maruan. Die Datierung beruht auf den in den Inschriften genannten Personen und ist nicht ganz sicher. Die erhaltenen Inschriften werden im Terra-Sancta-Museum (Studium Biblicum Franciscanum) in Jerusalem aufbewahrt; die mit dem Namen Maruan ist verloren gegangen. In Georgien selbst befinden sich die ältesten Inschriften in der Bolnissi-Sioni-Kathedrale südwestlich von Tiflis: Nach einer von ihnen begann der Bau im 20. Regierungsjahr des persischen Königs Peroz und wurde 15 Jahre später vollendet, also 493/494.

Eine Inschrift in Asomtawruli aus der Bolnissi-Sioni-Kathedrale, datiert 493/494, eine der ältesten georgischen Inschriften. Sie bittet Christus um Erbarmen für Bischof David und für die Erbauer der Kirche. In der Mitte ein Kreuz des sogenannten Bolnissi-Typs.
Eine Inschrift in Asomtawruli aus der Bolnissi-Sioni-Kathedrale, datiert 493/494, eine der ältesten georgischen Inschriften. Sie bittet Christus um Erbarmen für Bischof David und für die Erbauer der Kirche. In der Mitte ein Kreuz des sogenannten Bolnissi-Typs. Foto: Kober, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Drei Schriften, ein Alphabet

Im Lauf seiner Geschichte wurde das Georgische in drei Schriften geschrieben, die dieselben Buchstabennamen und dieselbe Reihenfolge haben und von links nach rechts geschrieben werden. Die älteste ist Asomtawruli („Großbuchstaben“, auch Mrgwlowani, „die runde“), aus dem 5. Jahrhundert: gleich hohe Buchstaben aus Bögen und rechten Winkeln. Im 9. Jahrhundert entwickelte sich daraus die geneigte, eckigere Nuschuri; die älteste Inschrift in dieser Schrift, von 835, befindet sich in der Kirche Ateni Sioni, die ältesten Handschriften stammen von 864. Kirchliche Handschriften in Nuschuri mit Asomtawruli-Großbuchstaben in Überschriften und am Absatzanfang werden Chuzuri, „Priesterschrift“, genannt.

Die dritte Schrift, Mchedruli („die der Reiter, militärische“), erscheint im 10. Jahrhundert; ihre älteste Inschrift, von 982, befindet sich ebenfalls in Ateni Sioni. Zunächst diente sie weltlichen Zwecken, etwa in den königlichen Urkunden Bagrats IV. im 11. Jahrhundert, und im 19. Jahrhundert wurde sie mit dem Buchdruck zur einzigen im Alltag gebrauchten Schrift des Georgischen. Das Alphabet hatte ursprünglich 38 Buchstaben; die 1879 von Ilia Tschawtschawadse gegründete Gesellschaft zur Verbreitung der Lese- und Schreibkunde unter den Georgiern strich fünf überflüssige, sodass die heute gebräuchlichen 33 blieben. Mchedruli unterscheidet nicht zwischen Groß- und Kleinbuchstaben; die Großformen namens Mtawruli werden nur in durchgehend großgeschriebenem Text verwendet und wurden 2018 in Unicode aufgenommen. 2016 nahm die UNESCO die lebendige Kultur der drei georgischen Schriften in ihre Liste des immateriellen Kulturerbes auf.

Die Reihenfolge und die Zahlenwerte der Buchstaben stimmen mit dem griechischen Alphabet überein: vin an sechster Stelle hat den Wert 6 wie das griechische Digamma; he an achter Stelle entspricht dem griechischen Eta; und hie mit dem Wert 60 dem griechischen Xi. Buchstaben für Laute, die dem Griechischen fehlen, etwa š, č, c, x oder ǯ, stehen überwiegend am Ende. Asomtawruli schrieb den Laut u mit dem Paar ႭჃ (o + w), wie das griechische ου; in Nuschuri wurde das Paar zu einem einzigen Buchstaben.

Das georgische Alphabet in drei Schriften

  • aan · 1
  • bban · 2
  • ggan · 3
  • ddon · 4
  • een · 5
  • vvin · 6; an der Stelle des griechischen Digamma
  • zzen · 7
  • ēhe · 8; an der Stelle des griechischen Eta, heute veraltet
  • ttan · 9; aspiriertes t, wie griechisch θ
  • iin · 10
  • ḳḳan · 20; ejektives k
  • llas · 30
  • mman · 40
  • nnar · 50
  • ṭṭar · 300; ejektives t
  • q̇q̇ar · 800; ejektives q
  • ššin · 900
  • ǯǯan · 8000; der einzige Asomtawruli-Buchstabe mit spitzen Winkeln
  • hhae · 9000

kartuli„Georgisch“ in Asomtawruli (mit u als Paar ႭჃ geschrieben) und in Mchedruli; vgl. საქართველო Sakartvelo „Georgien“, wörtlich „Land der Kartwelier“

Eine Auswahl von Buchstaben; jede Zeile zeigt Asomtawruli, Nuschuri und Mchedruli; nach dem Punkt der Buchstabenname und sein Zahlenwert. Wissenschaftliche Transliteration: ḳ, ṭ und q̇ sind ejektive Konsonanten, die mit einem Kehlkopfverschluss gesprochen werden, ʒ ist dz und ǯ ist dsch. Unicode unterscheidet Asomtawruli (GEORGIAN CAPITAL LETTER AN, U+10A0), Nuschuri (GEORGIAN SMALL LETTER AN, U+2D00) und Mchedruli (GEORGIAN LETTER AN, U+10D0); manche Namen weichen von den georgischen ab, z. B. heißt ჯ dort JHAN. Die Zeichen sind in der Schrift Noto Serif Georgian dargestellt.

Eine Seite aus dem Iadgari, einer Sammlung liturgischer Hymnen, die Mikael Modrekili im 10. Jahrhundert zusammenstellte. Der Text ist in Nuschuri mit roten Asomtawruli-Initialen geschrieben – eine Kombination, die als Chuzuri bezeichnet wird.
Eine Seite aus dem Iadgari, einer Sammlung liturgischer Hymnen, die Mikael Modrekili im 10. Jahrhundert zusammenstellte. Der Text ist in Nuschuri mit roten Asomtawruli-Initialen geschrieben – eine Kombination, die als Chuzuri bezeichnet wird. Foto: Mikael Modrekili, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Altgeorgisch

Die Sprache der ältesten Texte heißt Altgeorgisch (5.–11. Jahrhundert). In ihrer ältesten Schicht (5.–8. Jahrhundert) unterscheidet man zwei Varietäten, Chanmeti und Haemeti, benannt nach einem Verbalpräfix kh- oder h-, wo das spätere klassische Altgeorgisch h-, s- oder nichts hat. Aus dieser Zeit sind nur etwa ein Dutzend Inschriften und acht Handschriften mit religiösen Texten erhalten, oft Palimpseste, also Pergamente, deren ursprünglicher Text abgeschabt und überschrieben wurde. Das älteste literarische Werk ist das „Martyrium der heiligen Königin Schuschanik“, das Iakob Zurtaweli im 5. Jahrhundert zugeschrieben wird.

Von Anfang an wirkten georgische Mönche auch im Ausland: in Palästina, im Katharinenkloster auf dem Sinai und ab dem 10. Jahrhundert auf dem Athos, wo das georgische Kloster Iviron gegründet wurde. Das Altgeorgische blieb die Sprache der Georgischen Orthodoxen Kirche, und heutige Georgier können es weitgehend verstehen. Im 11.–12. Jahrhundert wurde es vom Mittelgeorgischen abgelöst, dessen berühmtestes Werk Schota Rustawelis Epos „Der Recke im Tigerfell“ aus dem 12. Jahrhundert ist. Die ersten (teilweise) georgisch gedruckten Bücher erschienen 1629.

Das Kloster Dschwari oberhalb von Mzcheta, der alten Hauptstadt Kartliens, mit seiner Kirche von der Wende zum 7. Jahrhundert.
Das Kloster Dschwari oberhalb von Mzcheta, der alten Hauptstadt Kartliens, mit seiner Kirche von der Wende zum 7. Jahrhundert. Foto: Bernard Gagnon, CC BY 4.0, Wikimedia Commons
Gemalte Asomtawruli-Inschriften im georgischen Kreuzkloster in Jerusalem. Die Wörter sind wie in mittelalterlichen Handschriften durch doppelpunktartige Zeichen getrennt.
Gemalte Asomtawruli-Inschriften im georgischen Kreuzkloster in Jerusalem. Die Wörter sind wie in mittelalterlichen Handschriften durch doppelpunktartige Zeichen getrennt. Foto: Uri ZACKHEM, CC BY-SA 2.0, Wikimedia Commons

Die dritte Schrift des Kaukasus

Koriun schreibt Maschtoz auch eine Schrift für die kaukasischen Albaner zu, ein Volk im Gebiet des heutigen Aserbaidschan und des südlichen Dagestan, das eine nordostkaukasische Sprache sprach. Die Schrift war vom 5. bis zum 12. Jahrhundert in Gebrauch und geriet dann in Vergessenheit. Erst 1937 fand der georgische Gelehrte Ilia Abuladse ihr Alphabet in einer armenischen Handschrift des 15. Jahrhunderts im Matenadaran (Nr. 7117), die mehrere Alphabete gegenüberstellt. 1947–1952 folgten kurze Inschriften aus Ausgrabungen in Mingetschaur.

Zusammenhängende Texte fanden sich erst im Katharinenkloster auf dem Sinai: 1996 erkannte der georgische Gelehrte Sasa Aleksidse unter dem georgischen Text einiger Palimpseste eine untere Schicht in albanischer Schrift (bekannt gegeben 1997). Sie enthält Fragmente eines Lektionars und des Johannesevangeliums, die 2008 von Aleksidse, Jost Gippert und anderen veröffentlicht wurden; erst dank ihnen lässt sich die Sprache heute weitgehend lesen. Das Alphabet hat 52 Buchstaben, und nach Gippert hängt sein Aufbau vom armenischen Alphabet ähnlich ab wie das armenische vom griechischen. Das Udische, das von etwa 8000 Menschen gesprochen wird, gilt als letzter Nachfahre des Kaukasisch-Albanischen.

Zeittafel

  1. ca. 189 v. Chr.Artaxias I. begründet die Dynastie der Artaxiden in Armenien.
  2. 301 (der Überlieferung nach)Armenien nimmt das Christentum an.
  3. 326 oder 337Kartlien (Iberien) nimmt unter König Mirian III. das Christentum an.
  4. 387Armenien wird zwischen Rom und Persien aufgeteilt.
  5. um 405Mesrop Maschtoz schafft das armenische Alphabet.
  6. um 430Georgische Inschriften in Bir el-Qutt bei Bethlehem (Datierung unsicher).
  7. um 434Die armenische Bibelübersetzung aus dem Griechischen wird vollendet.
  8. 440Tod des Mesrop Maschtoz.
  9. 493/494Inschriften in der Bolnissi-Sioni-Kathedrale.
  10. 835 und 982Älteste Inschriften in Nuschuri und Mchedruli (Ateni Sioni).
  11. 989Das Etschmiadsin-Evangeliar.
  12. 1512In Venedig erscheint das erste gedruckte armenische Buch.
  13. 1879Die Gesellschaft zur Verbreitung der Lese- und Schreibkunde unter den Georgiern wird gegründet; sie wird fünf überflüssige Buchstaben aus dem Alphabet streichen.
  14. 1937Ilia Abuladse findet das kaukasisch-albanische Alphabet im Matenadaran.
  15. 1959Das Matenadaran wird in Jerewan gegründet.
  16. 1996Sasa Aleksidse identifiziert die kaukasisch-albanischen Palimpseste auf dem Sinai (bekannt gegeben 1997, veröffentlicht 2008).

Armenisch und Georgisch auf dem Globus

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Quellen und weiterführende Literatur

  • Robert W. Thomson: An Introduction to Classical Armenian. Caravan Books, 1975.
  • Peter T. Daniels, William Bright (Hrsg.): The World's Writing Systems. Oxford University Press, 1996.
  • Donald Rayfield: The Literature of Georgia: A History. RoutledgeCurzon, 2. Aufl. 2000.
  • Jost Gippert, Wolfgang Schulze, Zaza Aleksidze, Jean-Pierre Mahé: The Caucasian Albanian Palimpsests of Mount Sinai. Brepols, 2008.
  • Koriwn: The Life of Mashtots. Übers. Bedros Norehad, 1964.
  • B. George Hewitt: Georgian: A Structural Reference Grammar. John Benjamins, 1995.
  • Glottolog 5 (Sprachen und ihre Klassifikation).

Illustration: Atlas der Sprachen. Fotografien: Wikimedia Commons, Urheber und Lizenzen jeweils beim Bild. Text: Atlas der Sprachen, auf Grundlage der oben aufgeführten Fachliteratur.

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