Atlas der Sprachen

Sprachen der Antike

Die Phönizier

Die levantinische Küste und das Mittelmeer · ca. 1200–146 v. Chr.

Die Phönizier, Kaufleute und Seefahrer aus Tyros, Sidon und Byblos, verbreiteten im ganzen Mittelmeerraum eine Schrift aus nur zweiundzwanzig Zeichen. Aus dem phönizischen Alphabet ging das griechische hervor und aus diesem die lateinische und die kyrillische Schrift – und über das Aramäische auch die hebräische und die arabische Schrift. Auch die Buchstaben dieses Textes haben phönizische Vorfahren.

Kaufleute des Meeres

Nach dem Zusammenbruch der großen bronzezeitlichen Reiche um 1200 v. Chr. blühten an der schmalen Küste unterhalb des Libanongebirges unabhängige Hafenstädte auf: Tyros, Sidon, Byblos und Arwad. Ihre Bewohner verstanden sich vor allem als Angehörige ihrer Städte (ob sie sich auch Kanaanäer nannten, ist umstritten); den Namen Phönizier gaben ihnen die Griechen, und er wird gewöhnlich mit dem griechischen Wort für Purpur in Verbindung gebracht.

Die Phönizier führten Zedernholz, Glas, Elfenbein und vor allem Purpurfarbstoff aus Purpurschnecken (Murex) aus. Sie gründeten Niederlassungen auf Zypern, Sizilien und Sardinien, in Spanien und in Nordafrika. Die berühmteste, Karthago, wurde der Überlieferung nach 814 v. Chr. von Tyros gegründet; nach drei Punischen Kriegen mit Rom wurde sie 146 v. Chr. zerstört.

Die Küste bei Byblos im Libanon, einer der ältesten durchgehend bewohnten Städte der Welt.
Die Küste bei Byblos im Libanon, einer der ältesten durchgehend bewohnten Städte der Welt. Foto: Vyacheslav Argenberg, CC BY 4.0, Wikimedia Commons

Tyros, Purpur und Schiffe

Die Ruinen von Tyros auf einem Gemälde von David Roberts (19. Jahrhundert). Im 1. Jahrtausend v. Chr. war Tyros die mächtigste phönizische Stadt.
Die Ruinen von Tyros auf einem Gemälde von David Roberts (19. Jahrhundert). Im 1. Jahrtausend v. Chr. war Tyros die mächtigste phönizische Stadt. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons
Gehäuse von Purpurschnecken (Murex), aus deren Drüsen in Tyros kostbarer Purpurfarbstoff gewonnen wurde.
Gehäuse von Purpurschnecken (Murex), aus deren Drüsen in Tyros kostbarer Purpurfarbstoff gewonnen wurde. Foto: RomanDeckert, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Eine phönizische Kriegsgaleere auf einem assyrischen Relief aus der Regierungszeit König Sanheribs (um 700 v. Chr.).
Eine phönizische Kriegsgaleere auf einem assyrischen Relief aus der Regierungszeit König Sanheribs (um 700 v. Chr.). Foto: SpeakingArch, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Ein Alphabet aus zweiundzwanzig Buchstaben

Das phönizische Alphabet ging aus der protosinaitischen und der protokanaanäischen Schrift hervor, deren Zeichen ägyptische Hieroglyphen nachahmten. Seine Entstehung als Schrift mit 22 Buchstaben wird konventionell auf ca. 1050 v. Chr. datiert. Es gab nur Konsonanten wieder (fachsprachlich ein Abdschad), verlief von rechts nach links, und in den frühesten Inschriften wurden die Wörter durch einen kurzen Strich oder Punkt getrennt.

Jeder Buchstabe hatte einen Namen, der mit seinem Laut begann: ʾalp „Rind“, bet „Haus“, mem „Wasser“, ʿain „Auge“, rosh „Kopf“. Die Buchstabenformen stellten ursprünglich diese Dinge dar – und der auf den Kopf gestellte Rinderkopf ist noch heute unser A.

Das phönizische Alphabet und unseres

  • ʾalp → ARind
  • bet → BHaus
  • gaml → C, GWurfholz? Kamel?
  • delt → DTür
  • he → E?
  • wau → F, U, V, W, YHaken, Pflock
  • zai → ZWaffe?
  • ḥet → HZaun?
  • ṭet → (griechisch Theta)Rad?
  • yod → I, JHand
  • kaf → KHandfläche
  • lamd → LOchsenstachel
  • mem → MWasser
  • nun → NSchlange? Fisch?
  • semk → (griechisch Xi)Pfeiler? Stütze?
  • ʿain → OAuge
  • pe → PMund
  • ṣade → (griechisch San)?
  • qof → Q?
  • roš → RKopf
  • šin → SZahn
  • taw → TZeichen

Unter jedem Zeichen: der Name des Buchstabens, sein lateinischer Nachfahre und die Bedeutung des Namens. Bedeutungen mit Fragezeichen sind unsicher, die übrigen sind die üblichen Deutungen. Die phönizischen Buchstabennamen sind nicht unmittelbar belegt; sie werden aus den hebräischen und griechischen Namen rekonstruiert. Die Griechen machten aus den Konsonanten ʾalp, he, ʿain und yod die Vokale A, E, O und I, und aus wau wurde das Ypsilon (Y). Die Zeichen sind in der Schrift Noto Sans Phoenician wiedergegeben.

Der Sarkophag König Ahirams von Byblos mit Reliefs und einer phönizischen Inschrift auf Rand und Deckel. Nationalmuseum, Beirut.
Der Sarkophag König Ahirams von Byblos mit Reliefs und einer phönizischen Inschrift auf Rand und Deckel. Nationalmuseum, Beirut. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

ʾrn z pʿl … bn ʾḥrm mlk gbl lʾḥrm ʾbh

ʾrn z
diesen Sarg
pʿl
machte
…
(Name, beschädigt)
bn ʾḥrm
Sohn des Ahiram
mlk gbl
König von Byblos
lʾḥrm ʾbh
für Ahiram, seinen Vater
Diesen Sarg machte …, Sohn des Ahiram, König von Byblos, für Ahiram, seinen Vater.Der Anfang der Inschrift auf dem Sarkophag König Ahirams von Byblos, die als frühester bekannter Text im voll ausgebildeten phönizischen Alphabet gilt; sie wird gewöhnlich um 1000 v. Chr. datiert, doch die Datierung ist umstritten. Sie verläuft von rechts nach links, und die Wörter sind durch das senkrechte Zeichen 𐤟 getrennt. Der Name des Sohnes ist beschädigt und seine Lesung unsicher.
Ausschnitt der Inschrift auf dem Sarkophag des Ahiram, von rechts nach links geschrieben (Foto mit digital hervorgehobener Inschrift).
Ausschnitt der Inschrift auf dem Sarkophag des Ahiram, von rechts nach links geschrieben (Foto mit digital hervorgehobener Inschrift). Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons
Einer der beiden Marmorcippi aus Malta mit einer Weihinschrift an den Gott Melqart auf Phönizisch und Griechisch (2. Jahrhundert v. Chr.). Anhand dieser Cippi entzifferte Barthélemy 1758 die phönizische Schrift. Louvre, Paris.
Einer der beiden Marmorcippi aus Malta mit einer Weihinschrift an den Gott Melqart auf Phönizisch und Griechisch (2. Jahrhundert v. Chr.). Anhand dieser Cippi entzifferte Barthélemy 1758 die phönizische Schrift. Louvre, Paris. Foto: Shonagon, CC0, Wikimedia Commons

Die Entzifferung: die Cippi aus Malta

Die phönizische Schrift war leichter zu entziffern als die Hieroglyphen oder die Keilschrift: Die Sprache steht dem Hebräischen nahe, und die Buchstaben ähneln althebräischen und griechischen. Entscheidend war ein Paar Marmorpfeiler (Cippi) aus Malta aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. mit derselben Weihinschrift an den Gott Melqart auf Phönizisch und Griechisch. Anhand dieser Pfeiler bestimmte der französische Gelehrte Jean-Jacques Barthélemy 1758 die Lautwerte der meisten phönizischen Buchstaben.

Ein Cippus befindet sich heute im Louvre, der andere auf Malta. Nur wenige phönizische Texte sind erhalten, und sie sind kurz – meist Inschriften auf Stein; auf Papyrus geschriebene Bücher sind verloren gegangen.

Phönizische Schrift im ganzen Mittelmeerraum

Das phönizische Alphabet wurde nicht nur von Phöniziern verwendet. Die Stele König Kilamuwas aus Sam'al in der heutigen Türkei, der Nora-Stein aus Sardinien und die Goldtafeln von Pyrgi in Italien, die eine parallele (nicht wörtlich übereinstimmende) Weihinschrift auf Etruskisch und Phönizisch tragen, zeigen, wie weit die Schrift gelangte. Die Stele König Meschas von Moab und die frühesten hebräischen Inschriften sind in sehr ähnlichen Schriften geschrieben.

Inschriften

Die Stele König Kilamuwas aus Sam'al (Zincirli, Türkei, um 825 v. Chr.) mit einer phönizischen Inschrift. Pergamonmuseum, Berlin.
Die Stele König Kilamuwas aus Sam'al (Zincirli, Türkei, um 825 v. Chr.) mit einer phönizischen Inschrift. Pergamonmuseum, Berlin. Foto: Dosseman, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Der Nora-Stein aus Sardinien, eine der frühesten phönizischen Inschriften im westlichen Mittelmeerraum. Archäologisches Nationalmuseum, Cagliari.
Der Nora-Stein aus Sardinien, eine der frühesten phönizischen Inschriften im westlichen Mittelmeerraum. Archäologisches Nationalmuseum, Cagliari. Foto: Olaf Tausch, CC BY 3.0, Wikimedia Commons
Die Goldtafeln von Pyrgi in Italien (um 500 v. Chr.) mit einer Weihinschrift auf Etruskisch und Phönizisch.
Die Goldtafeln von Pyrgi in Italien (um 500 v. Chr.) mit einer Weihinschrift auf Etruskisch und Phönizisch. Foto: O.Mustafin, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Die Stele König Meschas von Moab (um 840 v. Chr.), in einer dem Phönizischen sehr nahestehenden Schrift geschrieben. Louvre, Paris.
Die Stele König Meschas von Moab (um 840 v. Chr.), in einer dem Phönizischen sehr nahestehenden Schrift geschrieben. Louvre, Paris. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

Punisch und Karthago

In Karthago und seinen Niederlassungen entwickelte sich das Phönizische zum Punischen. Es überlebte Karthago um Jahrhunderte: In Nordafrika wurde es noch zur Zeit des heiligen Augustinus (gest. 430 n. Chr.) gesprochen, der es zumindest teilweise beherrschte. Einige Zeilen auf Punisch finden sich auch in der römischen Komödie Poenulus (Der kleine Karthager) des Plautus – in lateinischen Buchstaben geschrieben und daher ausnahmsweise mit ihren Vokalen.

Punische Stelen aus dem Tophet von Karthago. Louvre, Paris.
Punische Stelen aus dem Tophet von Karthago. Louvre, Paris. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

Nachfahren des phönizischen Alphabets

Im 8. Jahrhundert v. Chr. übernahmen die Griechen das phönizische Alphabet und fügten Vokale hinzu; aus den griechischen Namen Alpha und Beta entstand das Wort Alphabet. Aus dem griechischen Alphabet gingen die etruskische Schrift und aus ihr das lateinische Alphabet hervor, in dem das Englische geschrieben wird, und am Ende des 9. Jahrhunderts n. Chr. auch die kyrillische Schrift.

Im Osten entwickelte sich die phönizische Schrift zur aramäischen, und aus dem Aramäischen gingen die hebräische Quadratschrift, die syrische Schrift und über das Nabatäische die arabische Schrift hervor. Auch das griechische Wort biblos, „Papyrus, Buch“ – und damit die Bibel – wird mit dem Namen von Byblos in Verbindung gebracht, über das ägyptischer Papyrus nach Griechenland gelangte.

Der Sarkophag König Eschmunazars II. von Sidon (5. Jahrhundert v. Chr.) mit einer langen phönizischen Inschrift. Louvre, Paris.
Der Sarkophag König Eschmunazars II. von Sidon (5. Jahrhundert v. Chr.) mit einer langen phönizischen Inschrift. Louvre, Paris. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

Zeittafel

  1. 14.–13. Jh. v. Chr.Das Keilschriftalphabet von Ugarit.
  2. um 1200 v. Chr.Zusammenbruch der bronzezeitlichen Reiche; die phönizischen Städte blühen auf.
  3. um 1050 v. Chr.Konventionelles Datum für den Beginn des phönizischen Alphabets mit 22 Buchstaben.
  4. um 1000 v. Chr. (umstritten)Die Inschrift auf dem Sarkophag des Ahiram in Byblos.
  5. 9. Jh. v. Chr.Die Kilamuwa-Stele, die Mescha-Stele; um 800 der Nora-Stein.
  6. 814 v. Chr.Überliefertes Gründungsdatum Karthagos.
  7. 8. Jh. v. Chr.Die Griechen übernehmen das Alphabet und fügen Vokale hinzu.
  8. um 500 v. Chr.Die Goldtafeln von Pyrgi.
  9. 332 v. Chr.Alexander der Große erobert Tyros.
  10. 146 v. Chr.Die Römer zerstören Karthago.
  11. 5. Jh. n. Chr.Der heilige Augustinus erwähnt das Punische als lebende Sprache.
  12. 1758Barthélemy entziffert die phönizische Schrift.

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Quellen und weiterführende Literatur

  • Charles R. Krahmalkov: A Phoenician-Punic Grammar. Brill 2001.
  • Josephine Quinn: In Search of the Phoenicians. Princeton University Press 2018.
  • Glenn E. Markoe: Phoenicians. British Museum Press 2000.
  • Joseph Naveh: Early History of the Alphabet. Magnes Press 1982.
  • Glottolog 5 (Sprachen und ihre Klassifikation).

Illustration: Atlas der Sprachen. Fotografien: Wikimedia Commons, Urheber und Lizenzen jeweils beim Bild. Text: Atlas der Sprachen, auf Grundlage der oben aufgeführten Fachliteratur.

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