
Geschichten der Sprachen
Vom Latein zu den romanischen Sprachen
Gesprochenes Latein · der Zerfall des Reiches · die ersten Texte in der Volkssprache
Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Rumänisch und die übrigen romanischen Sprachen stammen nicht vom literarischen Latein Ciceros und Vergils ab, sondern von dem Latein, das die Menschen in den römischen Provinzen täglich sprachen. Niemand hat je aufgehört, es zu sprechen; es veränderte sich nur in jeder Region anders, bis Sprecher aus weit voneinander entfernten Gebieten einander nicht mehr verstanden. Wie das geschah, lässt sich an Fehlern in Inschriften ablesen, an schulischen Listen von „richtig und falsch“, an Glossaren zu unverständlich gewordenen Wörtern und an den ersten Texten, die die gesprochene Sprache schriftlich festhielten.
Eine Sprache, die nie verstummte
Das Latein starb nicht so aus wie das Etruskische, dessen Sprecher allmählich zu einer anderen Sprache übergingen. Die Menschen in Italien, Gallien, auf der Iberischen Halbinsel und an der Donau gaben ihre Sprache ohne Unterbrechung an ihre Kinder weiter; sie veränderte sich lediglich von Generation zu Generation. Niemand hätte den Tag erleben können, an dem man aufhörte, Latein zu sprechen, und anfing, Französisch oder Spanisch zu sprechen. Die Grenze zwischen „Latein“ und „den romanischen Sprachen“ wird im Rückblick gezogen, an dem Punkt, an dem sich die Veränderungen so weit angehäuft hatten, dass die Menschen sie bemerkten und aufschrieben.
Die romanischen Sprachen setzen das gesprochene Latein fort, nicht die aus der Literatur bekannte geschriebene Standardform. Beide bestanden die ganze Zeit nebeneinander: Das geschriebene Latein veränderte sich langsam und wurde von den Schulen getragen, die gesprochene Sprache veränderte sich schneller. Dennoch waren es nicht zwei Sprachen. Der ungarische Latinist József Herman betont wie die meisten Forscher heute, dass es nie eine unüberbrückbare Kluft zwischen geschriebenem und gesprochenem Latein gab, ebenso wenig zwischen der Sprache der Gebildeten und der des einfachen Volkes; es war ein kontinuierliches Spektrum von Registern, wie in jeder Sprache.
Woher wir wissen, wie man sprach
Das gesprochene Latein wurde nicht bewusst aufgeschrieben, daher kennen wir es nur mittelbar. Es scheint durch in Fehlern in Inschriften, etwa an den Wänden von Pompeji oder auf bleiernen Fluchtafeln; in privaten Briefen und Abrechnungen; in Fachschriften über Medizin oder Tierheilkunde, die wenig auf den Stil achteten; in frühchristlichen Texten; in der Aussprache lateinischer Wörter, die in Nachbarsprachen wie das Baskische, Albanische oder Walisische entlehnt wurden; und schließlich in den romanischen Sprachen selbst, deren Vergleich zeigt, wie ihre gemeinsame Quelle geklungen haben muss.
Besonders wertvoll sind die Klagen der Grammatiker. Am bekanntesten ist die sogenannte Appendix Probi, der „Anhang des Probus“: eine Liste von 227 Wörtern in der Form „richtig, nicht falsch“, etwa speculum non speclum. Ihren Namen verdankt sie dem Umstand, dass sie im Anschluss an eine Abhandlung überliefert ist, die den Namen des Grammatikers Marcus Valerius Probus aus dem 1. Jahrhundert trägt, obwohl Probus sie mit ziemlicher Sicherheit nicht verfasst hat. Sie wurde wahrscheinlich in Rom zusammengestellt, nach vorherrschender Auffassung im 3. oder 4. Jahrhundert; die genaue Datierung ist umstritten. Bekannt ist sie nur aus einer einzigen wassergeschädigten Abschrift des 7. oder 8. Jahrhunderts, die wahrscheinlich im Kloster Bobbio angefertigt wurde und heute in Neapel aufbewahrt wird. Der Verfasser wollte Fehler ausmerzen – und hielt gerade dadurch fest, wie die Menschen tatsächlich sprachen.
Appendix Probi: „richtig, nicht falsch“
Eine Auswahl aus der Liste. Die vom Verfasser verworfenen Formen sind oft genau diejenigen, aus denen die romanischen Wörter hervorgingen.
| richtig | nicht | was der Fehler verrät | romanisches Ergebnis |
|---|---|---|---|
| speculum | speclum | Ausfall eines unbetonten Vokals (Synkope) | ital. specchio, span. espejo, port. espelho |
| oculus | oclus | Synkope | ital. occhio, span. ojo, frz. œil |
| calida | calda | Synkope | ital. calda, frz. chaude („warm“, fem.) |
| vetulus | veclus | Synkope; die Verbindung tl wird zu cl | ital. vecchio, span. viejo, frz. vieux |
| auris | oricla | ein Diminutiv (auricula) ersetzt das Grundwort; au wird als o ausgesprochen | ital. orecchio, frz. oreille, rumän. ureche |
| mensa | mesa | Ausfall von n vor s | span. und port. mesa, rumän. masă |
| columna | colomna | kurzes u wird als o ausgesprochen | ital. colonna |
| olim | oli | Ausfall des auslautenden -m | auslautendes -m blieb in mehrsilbigen Wörtern nirgends erhalten; in einsilbigen blieb es als n bestehen (rem > frz. rien) |
| aqua | acqua | ein verdoppelter Konsonant | ital. acqua – die „falsche“ Form ist heute Standard |
Das Reich zerfällt, und mit ihm die Sprache
Solange das Römische Reich bestand, hielten Verwaltung, Heer, Handel, Reisen und Schulbildung das Latein zusammen; Veränderungen, die an einem Ort begannen, breiteten sich auch anderswo aus. Nach Herman und anderen wirkt das geschriebene Latein im 5. Jahrhundert noch bemerkenswert einheitlich, und regionale Unterschiede treten erst bei einer detaillierten statistischen Analyse von Inschriften hervor. Im Laufe des 5. Jahrhunderts zerfiel die westliche Hälfte des Reiches in germanische Königreiche, und 476 wurde der letzte weströmische Kaiser abgesetzt. Die Bindungen, die die Sprache einheitlich gehalten hatten, wurden schwächer.
Entscheidend war jedoch nicht ein einzelnes Jahr, sondern die folgenden Jahrhunderte. Im 7. und 8. Jahrhundert eroberten die Araber Nordafrika und den größten Teil der Iberischen Halbinsel, und der Kontakt zwischen den romanischsprachigen Regionen rund um das Mittelmeer wurde weiter unterbrochen; vom 7. Jahrhundert an nimmt die regionale Variation in lateinischen Urkunden zu. Auch die Sprachen der neuen Herrscher hinterließen Spuren – Französisch, Italienisch und Spanisch etwa übernahmen ihr Wort für Krieg (guerre, guerra) aus dem Germanischen –, ebenso die der früheren Bewohner. Wie weit sie Aussprache und Grammatik prägten, muss jedoch von Fall zu Fall beurteilt werden und bleibt oft umstritten.
Nicht überall überlebte das Latein. In Britannien, Nordafrika und im Moseltal wurde es im Laufe des Mittelalters von anderen Sprachen abgelöst. Auf dem Balkan wurde es weitgehend von slawischen Sprachen verdrängt; es lebt im Rumänischen und seinen Verwandten Aromunisch, Meglenorumänisch und Istrorumänisch fort, und an der Adriaküste überlebte es als Dalmatisch, dessen letzter bekannter Sprecher, Tuone Udaina von der Insel Krk, 1898 starb.
Regelmäßige Lautwandel
Die Laute veränderten sich nicht zufällig, sondern regelmäßig: Ein bestimmter Wandel erfasste in einer bestimmten Region und Zeit jedes Wort, in dem der Laut in derselben Stellung stand. Dadurch lassen sich romanische Wörter zuverlässig ihren lateinischen Ausgangsformen zuordnen. Manche Veränderungen sind allen oder fast allen romanischen Sprachen gemeinsam: Bis zum 5. Jahrhundert war der Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen verschwunden, und h sowie das auslautende -m längerer Wörter gingen verloren. Andere vollzogen sich nur in einem Teil des Gebiets.
Das klassische Latein sprach c stets als k aus. Vor e und i veränderte sich das k jedoch allmählich, sodass caelum, „Himmel“, zu italienisch cielo mit tsch, französisch ciel und portugiesisch céu mit s, spanisch cielo mit [θ] (wie engl. th) in den meisten Teilen Spaniens und rumänisch cer mit tsch wurde. Nur Sprachen an den Rändern entgingen dem Wandel: Das logudoresische Sardisch (chenàre, „zu Abend essen“, aus lateinisch cenare) bewahrt bis heute das k, ebenso das heute ausgestorbene Dalmatische (kenúr).
Die Verbindung ct entwickelte sich in jeder Region anders: Lateinisch noctem wurde zu italienisch notte, spanisch noche, portugiesisch noite, französisch nuit und rumänisch noapte. Im Westen schwächten sich stimmlose Konsonanten zwischen Vokalen ab (vitam, „Leben“, ergab spanisch und portugiesisch vida und französisch vie, aber italienisch vita); die Grenze bildet ein Bündel von Dialektunterschieden, das Italien etwa von La Spezia bis Rimini durchzieht und als Linie La Spezia–Rimini bekannt ist. Die westromanischen Sprachen fügten außerdem vor anlautendem s plus Konsonant einen Vokal ein (scribere > span. escribir, frz. écrire, aber ital. scrivere, rumän. scrie), und das Spanische verwandelte anlautendes f in h, das dann verloren ging (farina > harina, filius > hijo).
Ein Wort in fünf Sprachen
Ererbte Wörter veränderten sich in jeder Sprache nach deren eigenen Regeln. Die romanischen Formen setzen meist den Akkusativ ohne sein auslautendes -m fort, wie bei noctem oder civitatem.
| Latein | Italienisch | Spanisch | Portugiesisch | Französisch | Rumänisch | Bedeutung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| oculus | occhio | ojo | olho | œil | ochi | Auge |
| vetulus | vecchio | viejo | velho | vieux | vechi | alt (ursprünglich ein Diminutiv von vetus) |
| clavis | chiave | llave | chave | clé | cheie | Schlüssel |
| caelum | cielo | cielo | céu | ciel | cer | Himmel |
| nox, Akk. noctem | notte | noche | noite | nuit | noapte | Nacht |
| factum | fatto | hecho | feito | fait | fapt | getan; Tat, Tatsache |
| civitas, Akk. civitatem | città | ciudad | cidade | cité | cetate | ursprünglich „Bürgerschaft“, dann „Stadt“; rumän. „Festung“ |
Kasus, Artikel und neue Zeitformen
Das Latein drückte die Beziehungen im Satz vor allem durch die Endungen von sechs Kasus aus. Nachdem das auslautende -m geschwunden war und einige Vokale zusammengefallen waren, klangen viele Endungen gleich, und das Kasussystem brach zusammen; Präpositionen und eine festere Wortstellung übernahmen seine Aufgabe. Statt klassisch Marcus patri librum dat, „Marcus gibt dem Vater das Buch“, sagt man italienisch Marco dà il libro al padre, wörtlich „Marcus gibt das Buch an den Vater“. Das Altfranzösische und das Altokzitanische unterschieden noch zwei Kasus, Subjekt- und Obliquus-Kasus, und das Rumänische besitzt bis heute eine besondere Form, die Genitiv und Dativ gemeinsam ist: casa, „das Haus“, aber casei, „des Hauses, dem Haus“.
Das Latein hatte keine Artikel. Die romanischen Sprachen schufen sie: den bestimmten Artikel aus dem Demonstrativpronomen ille, illa, „jener, jene“ (ital. il, la, span. el, la, port. o, a, frz. le, la), den unbestimmten aus dem Zahlwort unus, una, „eins“. Das Rumänische hängt den bestimmten Artikel an das Wortende an, wie es auch das benachbarte Bulgarische und Albanische tun: lupul, „der Wolf“, aus lupum illum. Das Sardische bildete seinen Artikel aus dem Pronomen ipse (su, sa). Den Straßburger Eiden von 842 fehlt der Artikel noch selbst dort, wo ihn das spätere Französisch verlangen würde: pro christian poblo, „für das christliche Volk“.
Auch neue Verbformen wurden aus Wortverbindungen gebildet. Das klassische Futur vom Typ cantabo, „ich werde singen“, starb aus und wurde durch den Infinitiv in Verbindung mit habere, „haben“, ersetzt: cantare habeo, „ich habe zu singen“, wurde zu italienisch canterò, spanisch cantaré, portugiesisch cantarei und französisch chanterai. In den Straßburger Eiden ist diese Form bereits voll ausgebildet: salvarai, „ich werde beschützen“, prindrai, „ich werde nehmen, eingehen“. Das Rumänische bildet sein Futur anders, mit einem Hilfsverb aus lateinisch volo, „ich will“ (voi cânta). Das Neutrum ging größtenteils im Maskulinum auf, hinterließ aber Spuren: Italienische Plurale wie le uova, „die Eier“, oder le braccia, „die Arme“, setzen das lateinische neutrale -a fort (ova, bracchia).
Bibelglossen und das Konzil von Tours
Im 8. Jahrhundert, wahrscheinlich im nördlichen Gallien, stellte jemand ein Glossar zur lateinischen Bibel zusammen, das heute Reichenauer Glossen heißt, nach dem Kloster Reichenau am Bodensee, wo die Handschrift später aufbewahrt wurde. Es erklärt mehr als tausend Wörter und Formen aus der Vulgata des Hieronymus, die den Lesern möglicherweise nicht mehr bekannt waren, mit Ausdrücken, die der damaligen gesprochenen Sprache nahestanden: semel, „einmal“, wird mit una vice glossiert, pulchra, „schön“, mit bella, in ore, „im Mund“, mit in bucca, hiems, „Winter“, mit hibernus. Die Glossen sind lateinisch geschrieben, doch sie sind Vorläufer romanischer Wörter – vgl. französisch une fois, belle, bouche, hiver.
Ende des 8. Jahrhunderts setzten Karl der Große und seine Gelehrten, allen voran Alkuin von York, eine Bildungsreform und ein korrekteres Latein nach älteren Vorbildern durch. Dabei zeigte sich, wie weit sich die gesprochene Sprache von der geschriebenen entfernt hatte. 813 ordnete ein Bischofskonzil in Tours an, die Predigten (Homilien) „in rusticam Romanam linguam aut Thiotiscam“ zu übersetzen – in die bäuerliche romanische Sprache oder ins Deutsche –, damit alle sie verstehen konnten. Es ist eines der ersten ausdrücklichen Eingeständnisse, dass die romanische Rede nicht mehr dasselbe war wie Latein.
1982 stellte der britische Romanist Roger Wright eine einflussreiche, aber nicht allgemein anerkannte Hypothese auf: Bis zur karolingischen Reform seien lateinische Texte mit örtlicher Aussprache vorgelesen worden, sodass für die Zeitgenossen geschriebenes Latein und gesprochenes Romanisch eine einzige Sprache mit traditioneller Rechtschreibung waren. Erst die Reform, die eine Aussprache „nach den Buchstaben“ einführte, habe das Latein zu einer eigenen Gelehrtensprache gemacht – und das Bedürfnis geschaffen, die Volkssprache auf andere Weise zu schreiben.
Alltagswörter statt klassischer
Viele gewöhnliche Wörter des klassischen Lateins wurden in der gesprochenen Sprache durch andere ersetzt – umgangssprachliche, expressive oder Diminutive. Das klassische Wort steht in Klammern.
| Latein | Italienisch | Spanisch | Portugiesisch | Französisch | Rumänisch | Anmerkung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| caballus (klassisch equus) | cavallo | caballo | cavalo | cheval | cal | Pferd; caballus war ein umgangssprachliches Wort. Klassisch equa, „Stute“, lebt in span. yegua, port. égua und rumän. iapă fort |
| casa (klassisch domus) | casa | casa | casa | maison (aus mansio); chez, „bei“, aus casa | casă | Haus; casa bedeutete „Hütte“ |
| comedere, manducare (klassisch edere) | mangiare (über das Altfranzösische) | comer | comer | manger | mânca | essen; comedere „aufessen“, manducare ursprünglich „kauen“ |
| bucca (klassisch os) | bocca | boca | boca | bouche | gură (aus gula, „Kehle“) | Mund; bucca bedeutete „Backe“ |
| formosus, bellus (klassisch pulcher) | bello | hermoso | formoso | beau | frumos | schön; formosus „wohlgestaltet“, bellus „hübsch, nett“ |
| auricula (klassisch auris) | orecchio | oreja | orelha | oreille | ureche | Ohr; auricula ist ein Diminutiv, „Öhrchen“ |
| hibernum (klassisch hiems) | inverno | invierno | inverno | hiver | iarnă | Winter; aus hibernum tempus, „winterliche Jahreszeit“ |
Die ersten Texte in der Volkssprache
Der älteste zusammenhängende Text, der bewusst in einer frühen romanischen Sprache Frankreichs geschrieben wurde, sind die Straßburger Eide vom 14. Februar 842, überliefert in den lateinischen Historien Nithards, eines Enkels Karls des Großen (mehr dazu auf der Seite über Rom). Nithard leitet den Eid der Soldaten mit dem lateinischen Satz Romana lingua sic se habet, „in romanischer Sprache lautet er so“, ein und den entsprechenden Eid des Heeres Ludwigs des Deutschen mit Teudisca autem lingua, „und auf Deutsch“. Etwa vierzig Jahre jünger ist die Eulaliasequenz (um 880), das älteste erhaltene Gedicht in französischer Sprache.
In Italien sind die frühesten genau datierten Zeugnisse die Placiti cassinesi, eidliche Aussagen aus den Jahren 960–963 in Streitigkeiten um Ländereien des Klosters Montecassino. Im März 960 erklärte ein Zeuge vor dem Gericht in Capua: Sao ko kelle terre, per kelle fini que ki contene, trenta anni le possette parte sancti Benedicti – „Ich weiß, dass jene Ländereien in den hier beschriebenen Grenzen dreißig Jahre lang die Partei des heiligen Benedikt besaß“, also das Kloster. Das lateinische Gerichtsprotokoll hielt diesen Satz in der Volkssprache fest, nach üblicher Deutung, damit alle Anwesenden ihn verstanden. Das ältere Veroneser Rätsel (Ende des 8. oder Anfang des 9. Jahrhunderts) steht an der Grenze zwischen Latein und Romanisch, und seine Einordnung ist umstritten.
Auf der Iberischen Halbinsel gehören zu den frühesten Zeugnissen die Glosas Emilianenses, Anmerkungen zwischen den Zeilen und an den Rändern einer lateinischen Handschrift aus dem Kloster San Millán de la Cogolla in La Rioja. Sie stammen aus dem 10. oder 11. Jahrhundert; die genaue Datierung ist umstritten. Neben den romanischen Anmerkungen enthalten sie zwei kurze Glossen auf Baskisch, die gewöhnlich als die ältesten geschriebenen Sätze dieser Sprache angeführt werden. Zu den ältesten datierten Texten auf Portugiesisch gehört das Testament König Afonsos II. von 1214. Das Rumänische ist als letzte Sprache belegt: Der älteste erhaltene rumänische Text, der sich genau datieren lässt, ist ein Brief, den Neacșu aus Câmpulung 1521 nach Brașov schickte. Er ist in kyrillischer Schrift geschrieben; das lateinische Alphabet setzte sich im Rumänischen erst im 19. Jahrhundert durch (amtlich 1860–1862).

Protoromanisch: was sich rekonstruieren lässt
Für die historische Sprachwissenschaft sind die romanischen Sprachen ein Sonderfall: Ihr Vorfahr ist aus Texten bekannt. Die vergleichende Methode, mit der sonst das Urindogermanische oder das Urslawische rekonstruiert wird, kann den gemeinsamen Vorfahren der romanischen Sprachen, das Protoromanische, aus seinen Nachkommen erschließen, und das Ergebnis lässt sich am wirklichen Latein überprüfen. Formen, die nirgends belegt sind und nur als Rekonstruktionen existieren, werden mit einem Sternchen gekennzeichnet.
Der Vergleich zeigt, dass die Rekonstruktion die gesprochene Form der Sprache, die die schriftlichen Quellen verbergen, zuverlässig erfasst: neun Vokale ohne Längenunterschiede statt der zehn klassischen (fünf kurze und fünf lange), die die meisten romanischen Sprachen weiter zu sieben zusammenlegten, den Akkusativ ohne -m, umgangssprachliche Wörter und sogar Wörter, die in lateinischen Texten nie vorkommen. Ein Beispiel ist *captiare, „jagen“, abgeleitet von captare, „fangen“: Es ergab italienisch cacciare, französisch chasser, spanisch cazar und portugiesisch caçar. Das 2008 begonnene internationale Projekt Dictionnaire Étymologique Roman (DÉRom) rekonstruiert auf diese Weise systematisch den protoromanischen Kernwortschatz.
Die Rekonstruktion hat jedoch ihre Grenzen. Was aus allen Tochtersprachen verschwunden ist, lässt sich aus ihnen nicht zurückgewinnen: Niemand könnte aus den romanischen Sprachen erschließen, dass das Latein ein Futur vom Typ cantabo, ein mit Endungen gebildetes Passiv (amatur, „wird geliebt“) oder die meisten seiner Kasus besaß. Auch liefert die Rekonstruktion keine genauen Datierungen; sie glättet Unterschiede zwischen Regionen und sozialen Gruppen und erfasst eher den Zustand unmittelbar vor der Trennung der Sprachen als das Latein der klassischen Zeit. Das Protoromanische ist daher nicht dasselbe wie das „Vulgärlatein“; es ist ein Modell, das sich dem gesprochenen Latein von der den schriftlichen Quellen entgegengesetzten Seite nähert.
Zeittafel
- 3.–4. Jh.Appendix Probi, eine Liste von Fehlern in Aussprache und Formen; die Datierung ist umstritten.
- 476Der letzte weströmische Kaiser wird abgesetzt; Ende des Weströmischen Reiches.
- 8. Jh.Die Reichenauer Glossen erklären Wörter der Vulgata mit Ausdrücken, die der gesprochenen Sprache nahestehen.
- Ende 8. oder Anfang 9. Jh.Das Veroneser Rätsel, ein Text an der Grenze zwischen Latein und frühem Romanisch; seine Einordnung ist umstritten.
- 813Das Konzil von Tours ordnet an, Predigten in die „rustica Romana lingua“ zu übersetzen.
- 14. Febr. 842Die Straßburger Eide, der älteste zusammenhängende Text in einer frühen romanischen Sprache Frankreichs.
- um 880Die Eulaliasequenz, das älteste erhaltene französische Gedicht.
- 960Die Aussage eines Zeugen vor dem Gericht in Capua, die erste der Placiti cassinesi.
- 10./11. Jh.Die Glosas Emilianenses im Kloster San Millán de la Cogolla.
- 1214Das Testament König Afonsos II. von Portugal, einer der ältesten datierten portugiesischen Texte.
- um 1303–1305In De vulgari eloquentia unterscheidet Dante die romanischen Sprachen nach ihrem Wort für „ja“: oc, oïl und sì.
- 1521Der Brief des Neacșu, der älteste erhaltene rumänische Text, der sich genau datieren lässt.
- 1898Tod von Tuone Udaina, dem letzten bekannten Sprecher des Dalmatischen.
Latein und seine Nachkommen auf dem Globus
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Quellen und weiterführende Literatur
- József Herman: Vulgar Latin. Übers. Roger Wright. Pennsylvania State University Press, 2000.
- Roger Wright: Late Latin and Early Romance in Spain and Carolingian France. Francis Cairns, 1982.
- J. N. Adams: The Regional Diversification of Latin, 200 BC – AD 600. Cambridge University Press, 2007.
- Ti Alkire, Carol Rosen: Romance Languages: A Historical Introduction. Cambridge University Press, 2010.
- Martin Maiden, John Charles Smith, Adam Ledgeway (Hrsg.): The Cambridge History of the Romance Languages. 2 Bde. Cambridge University Press, 2011–2013.
- Glottolog 5 (Sprachen und ihre Klassifikation).