Atlas der Sprachen

Geschichten der Sprachen

Wie das Standardtschechische entstand

Glossen und Digraphen · die Kralitzer Bibel · die nationale Wiedergeburt · die Regeln und das Gemeintschechische

Das Standardtschechische, wie es in der Schule gelehrt und in den Regeln der tschechischen Rechtschreibung festgelegt wird, ist nicht einfach die aufgeschriebene Alltagssprache. Es ist das Ergebnis von mehr als siebenhundert Jahren tschechischen Schrifttums: von den ersten tschechischen Wörtern in lateinischen Urkunden über Rechtschreibreformen und die Sprache der Kralitzer Bibel bis zu den Vertretern der nationalen Wiedergeburt, die um 1800 die Standardsprache nach dem Vorbild des Tschechischen des 16. Jahrhunderts neu aufbauten. Deshalb unterscheidet sich das Standardtschechische in vielen Merkmalen vom Gemeintschechischen, der Sprache, die man in Böhmen gewöhnlich spricht.

Eine Standardsprache ist kein Dialekt

Eine Standardsprache ist die feste Form einer Sprache, die in der öffentlichen und amtlichen Kommunikation verwendet wird: in Schule, Verwaltung, Wissenschaft und Presse. Von einem Dialekt unterscheidet sie sich dadurch, dass sie überregional ist, also im ganzen Sprachgebiet gemeinsam gilt, und dass sie kodifiziert ist: Schreibung, Formen und Wortschatz sind in Grammatiken, Wörterbüchern und Regelwerken ausdrücklich festgelegt. Keine Standardsprache ist je „von Natur aus“ fertig; jede ist das Ergebnis einer langen Geschichte, in der sich aus vielen Möglichkeiten allmählich eine Auswahl verfestigte.

Nach der Periodisierung von Bohuslav Havránek wird die Geschichte des Tschechischen meist in das Urtschechische (spätes 10. bis Mitte des 12. Jahrhunderts, schriftlich nicht belegt), das Alttschechische (bis zum Ende des 15. Jahrhunderts), das Mitteltschechische (16. bis 18. Jahrhundert) und das Neutschechische gegliedert. Die tschechische Standardsprache hat alle diese Phasen durchlaufen, jedoch nicht bruchlos: Nach ihrer Blüte im 16. Jahrhundert verengte sich ihr Gebrauch im 17. und 18. Jahrhundert, und um 1800 griffen die Vertreter der nationalen Wiedergeburt bewusst auf den älteren Zustand zurück. Dieser Bruch erklärt, warum das heutige Standardtschechische in mancher Hinsicht die Gestalt der Sprache des 16. Jahrhunderts bewahrt.

Latein, Glossen und die ersten tschechischen Sätze

Im Frühmittelalter war die wichtigste Schriftsprache in Böhmen das Lateinische, in geringerem Maß das Kirchenslawische (zur slawischen Liturgie in Mähren und Böhmen siehe die Seite über die Slawen und Großmähren). Zunächst wurden in lateinischen Texten nur einzelne tschechische Wörter aufgezeichnet: Personen- und Ortsnamen (sogenannte Bohemica), Glossen – tschechische Übersetzungen von Wörtern, die in einen anderssprachigen Text eingetragen wurden – und Randbemerkungen. Auch in jüdischen Schriften sind tschechische Glossen in hebräischer Schrift erhalten. Als ältester erhaltener tschechischer Satz gilt gewöhnlich ein Vermerk aus dem frühen 13. Jahrhundert, der der auf 1057 datierten Gründungsurkunde des Kapitels von Litoměřice hinzugefügt wurde.

Das älteste tschechische geistliche Lied, Hospodine, pomiluj ny („Herr, erbarme dich unser“), ist älter als die meisten erhaltenen Texte, um wie viel, ist jedoch umstritten: Seine Entstehung wird irgendwo zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert angesetzt, und die frühesten Aufzeichnungen stammen erst aus dem 14. Jahrhundert. Um 1300 und im frühen 14. Jahrhundert erscheinen die ersten umfangreichen Werke in tschechischer Sprache, etwa die Versdichtung Alexandreis und die Dalimil-Chronik. Im Lauf des 14. Jahrhunderts dringt das Tschechische in weitere Textsorten vor; in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entsteht die erste vollständige Übersetzung der Bibel, und an seinem Ende werden amtliche Urkunden auf Tschechisch abgefasst. Im frühen 15. Jahrhundert, zur Zeit der Predigten von Jan Hus, erweitert sich der Leserkreis der tschechischen Literatur weiter.

Die Salbung Davids zum König in der Miniatur zu Beginn von Psalm 27 (26 in der Vulgata), aus dem ersten Band der Olmützer Bibel, 1417. Der tschechische Text ist in Digraphenschreibung geschrieben: przed kym „vor wem“, kdyzz „als“, gedli „(dass sie) äßen“ (heute před kým, když, jedli).
Die Salbung Davids zum König in der Miniatur zu Beginn von Psalm 27 (26 in der Vulgata), aus dem ersten Band der Olmützer Bibel, 1417. Der tschechische Text ist in Digraphenschreibung geschrieben: przed kym „vor wem“, kdyzz „als“, gedli „(dass sie) äßen“ (heute před kým, když, jedli). Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

Von den Digraphen zur Diakritik

Das lateinische Alphabet hatte für viele tschechische Laute keine Buchstaben, etwa für č, š, ž, ř oder ě. Die frühesten Aufzeichnungen verwenden die sogenannte primitive Schreibung: unveränderte lateinische Buchstaben, sodass beispielsweise c für k, c oder č stehen konnte. Im Lauf des 13. Jahrhunderts kam eine Digraphenschreibung auf, in der eine Buchstabengruppe einen Laut wiedergab: rz oder rs für ř, cz für c und č, ss für š und (in der jüngeren Digraphenschreibung) zz für ž; in der älteren Schreibung stand zz für s. Verbindliche Regeln gab es nicht, und die Schreiber verwendeten die Digraphen uneinheitlich. Jan Gebauer unterschied 1894 fünf Phasen in der Geschichte der tschechischen Schreibung: die primitive, die digraphische, die diakritische, die Brüderschreibung und die moderne.

Im frühen 15. Jahrhundert schlug der lateinische Traktat De orthographia Bohemica („Über die tschechische Rechtschreibung“) vor, die Digraphen durch gekennzeichnete Buchstaben zu ersetzen: Weiche Konsonanten sollten mit einem Punkt über dem Buchstaben (punctus rotundus), lange Vokale mit einem Strich (virgula) geschrieben werden. Der Traktat ist anonym; die Überlieferung schreibt ihn Jan Hus zu, doch dass Hus ihn verfasst hat, ist nicht erwiesen. Der Vorschlag setzte sich nur langsam durch, und bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts wurden Digraphen und diakritische Zeichen nebeneinander verwendet. Im 16. Jahrhundert entwickelte sich der Punkt zum Háček. Die tschechische Art, Laute mit diakritischen Zeichen zu kennzeichnen, wurde später auch von anderen Sprachen übernommen, darunter vom Kroatischen, Slowenischen und Litauischen.

Wie man Tschechisch schrieb

Die Beispiele sind nach den Quellen transkribiert, einschließlich des langen ſ. Die letzten beiden Spalten zeigen, wie die Wörter heute klingen oder geschrieben werden und was sich an der Schreibung geändert hat.

BeispielQuelle und Datumheutewas sich änderte
Pauel dal geſt ploſcoucih zemuVermerk in der Urkunde von Litoměřice, frühes 13. Jh.„Pavel gab Land in Ploškovice“, heute Ploskovice bei Litoměřiceprimitive Schreibung: u für v, g für j, c für k, ſ für š, h für ch; weder Weichheit noch Länge sind bezeichnet
przed kym · kdyzz · gedliOlmützer Bibel, 1417před kým · když · jedliDigraphen rz = ř, zz = ž; g für j; Länge nicht bezeichnet
gménem · geho · něgakýKralitzer Bibel, 1593jménem · jeho · nějakýHáček und Akut bereits in Gebrauch, g steht jedoch für j
třjdy · gegj · AbiáſſowyKralitzer Bibel, 1593třídy · její · Abiášovyj für langes í, ſſ für š im Wortinneren, w für v
cyzýBrüderschreibung, 16.–18. Jh.cizínach c, s, z wurde stets y geschrieben; Dobrovský regelte die Endungen (1819), die Wortstämme folgten in den 1840er-Jahren
Slownjk · DjlJungmanns Wörterbuch, 1835Slovník · Dílw → v und j → í; Änderungen 1842–1849 übernommen
se sbírkau příkladůJungmanns Slovesnost, 1845se sbírkou příkladůau → ou, ebenfalls in der Mitte des 19. Jahrhunderts

Buchdruck, Grammatiken und Jan Blahoslav

Im 16. Jahrhundert verbreitete sich das Tschechische in Wissenschaft, Recht und religiösem Schrifttum, und Gelehrte begannen, sich systematisch mit der Sprache selbst zu befassen. Der Buchdruck verlangte einen einheitlichen Text, und in gedruckten Büchern setzte sich die sogenannte Brüderschreibung durch, benannt nach den Drucken der Brüderunität. Sie war im Wesentlichen diakritisch, behielt aber einige Digraphen bei, vor allem ch und im Wortinneren ſſ für š. Aus dem Punkt über weichen Konsonanten wurde der Háček (č, ď, ň, ř, ť, ž), die Länge wurde mit dem Akut bezeichnet, und das kleine o, das schon im 15. Jahrhundert für den Diphthong uo über das u geschrieben wurde, wurde zum Kringel (ů). Die Drucke schrieben jedoch den Laut j als g, langes í als j, v als w, den Diphthong ou als au und nach c, s, z stets y.

1533 erschien die tschechische Grammatik von Beneš Optát, Petr Gzel und Václav Philomates im Druck. An sie knüpfte Jan Blahoslav (1523–1571) an, ein Bischof der Brüderunität, der an humanistischen Schulen und an der Universität Wittenberg ausgebildet worden war. 1564 veröffentlichte er in Ivančice seine eigene Übersetzung des Neuen Testaments, die er unter Heranziehung des griechischen Originals angefertigt hatte, und 1571 vollendete er das Manuskript seiner Tschechischen Grammatik. Ihr erster Teil übernimmt und kommentiert die Grammatik von Optát und Philomates; der zweite bietet eine Fülle von Beispielen dafür, wie Wörter und Konstruktionen des Bibeltextes richtig wiederzugeben sind. Die Grammatik blieb handschriftlich und wurde erst 1857 gedruckt, doch nach vorherrschender Auffassung prägten die in ihr dargelegten Grundsätze die Sprache der Kralitzer Bibel stark.

Blahoslavs Tschechische Grammatik

Titelblatt von Blahoslavs Tschechischer Grammatik in der Ausgabe, die Ignác Hradil und Josef Jireček 1857 in Wien nach der Handschrift in der Theresianischen Bibliothek veröffentlichten. Laut Titel wurde die Grammatik „1571 vollendet“; sie enthält den Text der älteren Grammatik von Beneš Optát, Petr Gzel und Václav Philomates in deren Nürnberger Ausgabe von 1543.
Titelblatt von Blahoslavs Tschechischer Grammatik in der Ausgabe, die Ignác Hradil und Josef Jireček 1857 in Wien nach der Handschrift in der Theresianischen Bibliothek veröffentlichten. Laut Titel wurde die Grammatik „1571 vollendet“; sie enthält den Text der älteren Grammatik von Beneš Optát, Petr Gzel und Václav Philomates in deren Nürnberger Ausgabe von 1543. Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons
Seite 342 derselben Ausgabe. Hier verzeichnet Blahoslav Unterschiede zwischen dem Tschechischen und dem Slowakischen: „Wo die Tschechen ř haben, haben die Slowaken r“ – ein Tscheche sagt vařiti, koření, ein Slowake variti (repu s korením, „Rübe mit Gewürz“).
Seite 342 derselben Ausgabe. Hier verzeichnet Blahoslav Unterschiede zwischen dem Tschechischen und dem Slowakischen: „Wo die Tschechen ř haben, haben die Slowaken r“ – ein Tscheche sagt vařiti, koření, ein Slowake variti (repu s korením, „Rübe mit Gewürz“). Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

Die Kralitzer Bibel

Die Kralitzer Bibel ist die erste tschechische Übersetzung der gesamten Bibel aus den Originalsprachen – Hebräisch, Aramäisch und Griechisch – statt aus der lateinischen Vulgata. Sie war das Werk von Übersetzern und Theologen der Brüderunität: Das Alte Testament übersetzte eine Gruppe unter der Leitung von Bischof Ondřej Štefan, für das Neue Testament übernahm man Blahoslavs überarbeitete Übersetzung. Die Bibel wurde in der geheimen Druckerei der Brüder in der Feste Kralice nad Oslavou in sechs Bänden gedruckt, die auf 1579–1594 datiert sind (das Neue Testament ist uneinheitlich auf 1593 und 1594 datiert), mit ausführlichen erläuternden Anmerkungen an den Rändern. Sie war die erste tschechische Bibel, die die Kapitel in Verse einteilte.

1596 erschien die Kralitzer Bibel in einem einzigen Band ohne Anmerkungen und 1613, nochmals überarbeitet, erneut. Diese „letzte Kralitzer Ausgabe“ wurde zur Grundlage späterer Ausgaben, da die Brüderunität nach 1620 ihre Tätigkeit einstellen musste. In der Zeit der Gegenreformation stand die Bibel auf dem katholischen Index der verbotenen Bücher und wurde im Ausland gedruckt, etwa 1722 in Halle.

Sprache und Schreibung der Kralitzer Übersetzung, oft „Bibeltschechisch“ (bibličtina) genannt, wurden zum Vorbild der Standardsprache. Dieses Vorbild überdauerte die Zeit, in der die Kralitzer Bibel in den böhmischen Ländern nicht gedruckt werden durfte, und die Vertreter der nationalen Wiedergeburt im frühen 19. Jahrhundert bauten darauf auf.

Die sechsbändige Ausgabe

Titelblatt des ersten Bandes der Kralitzer Bibel mit den fünf Büchern Mose, erschienen 1579 (datiert M.D.LXXIX).
Titelblatt des ersten Bandes der Kralitzer Bibel mit den fünf Büchern Mose, erschienen 1579 (datiert M.D.LXXIX). Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons
Der Beginn der Apostelgeschichte im sechsten Band der Kralitzer Bibel (Neues Testament, 1593). Der Bibeltext steht in der Mitte, umrahmt von schmalen Spalten mit Querverweisen und erläuternden Anmerkungen. Museum Südostmährens, Zlín.
Der Beginn der Apostelgeschichte im sechsten Band der Kralitzer Bibel (Neues Testament, 1593). Der Bibeltext steht in der Mitte, umrahmt von schmalen Spalten mit Querverweisen und erläuternden Anmerkungen. Museum Südostmährens, Zlín. Foto: Muzeum jihovýchodní Moravy ve Zlíně, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Lukas 1,5 im sechsten Band der Kralitzer Bibel (1593): „Zu der Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, war ein Priester von der Ordnung Abia mit Namen Zacharias…“ Die Brüderschreibung verwendet bereits Háček und Akut, schreibt aber g für das heutige j (gménem, geho), j für í (třjdy) und im Wortinneren ſſ für š (Abiáſſowy).
Lukas 1,5 im sechsten Band der Kralitzer Bibel (1593): „Zu der Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, war ein Priester von der Ordnung Abia mit Namen Zacharias…“ Die Brüderschreibung verwendet bereits Háček und Akut, schreibt aber g für das heutige j (gménem, geho), j für í (třjdy) und im Wortinneren ſſ für š (Abiáſſowy). Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

Nach dem Weißen Berg

Nach der Niederlage des Ständeaufstands am Weißen Berg 1620 ging ein großer Teil des nichtkatholischen Adels und der gebildeten Schicht aus den böhmischen Ländern ins Exil, darunter Jan Amos Komenský (Comenius). Die Verneuerte Landesordnung von 1627 (Mähren 1628) stellte das Deutsche dem Tschechischen gleich. In den folgenden Jahrzehnten verengte sich der Gebrauch des Standardtschechischen allmählich: zuerst in der Wissenschaft, dann in einem großen Teil der anspruchsvolleren Literatur und schließlich in der Verwaltung. Tschechisch wurde weiterhin geschrieben und gedruckt, im Exil wie im Land selbst, besonders in jesuitischen Kreisen; es entstanden Predigten, geistliche Dichtung und Lesestoff für weniger gebildete Leser. In den 1670er-Jahren verfasste der Jesuit Bohuslav Balbín eine lateinische Verteidigung der tschechischen Sprache (Dissertatio apologetica), die erst 1775 gedruckt wurde.

Während sich die geschriebene Standardsprache in dieser Zeit nur wenig veränderte, entwickelte sich das gesprochene Tschechisch weiter. Die Dialekte, besonders die Mährens und Schlesiens, entfernten sich weiter voneinander, und deutsche Lehnwörter fanden Eingang in die städtische Sprache. Die Kluft zwischen der Sprache der Bücher und der Alltagssprache wurde größer, und die Kodifizierung durch die Vertreter der nationalen Wiedergeburt musste sich später damit auseinandersetzen.

Das 17. und 18. Jahrhundert wurden als „Zeit der Finsternis“ (doba temna) bezeichnet. Die Bezeichnung ist ein späteres Urteil aus der Zeit der nationalen Wiedergeburt, das vor allem durch Alois Jiráseks Roman Temno („Finsternis“, 1915) populär wurde. Die heutige Literaturgeschichtsschreibung hält sie als Pauschalbeschreibung für irreführend: Die Epoche brachte zwar einen Rückgang der tschechischsprachigen Wissenschaft und anspruchsvollen Literatur, aber auch ein umfangreiches barockes Schrifttum, und wie sie zu bewerten ist, bleibt Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion.

Die Wiedergeburt: Dobrovský, Jungmann, Šafařík

Als sich im späten 18. Jahrhundert die Versuche Josephs II., das Deutsche zur einzigen Verwaltungssprache zu machen, als undurchführbar erwiesen, machten sich Gelehrte daran, das Tschechische als Sprache der Literatur und der Wissenschaft wiederherzustellen. Die ländliche Sprache des einfachen Volkes war ihnen fremd, und als Vorbild wählten sie die Literatursprache des späten 16. Jahrhunderts – des sogenannten Zeitalters Veleslavíns – sowie die Werke des Comenius. Entscheidend war die Grammatik Ausführliches Lehrgebäude der böhmischen Sprache von Josef Dobrovský (1753–1829) aus dem Jahr 1809, die auf Deutsch verfasst war; in ihrer zweiten Auflage von 1819 führte Dobrovský die sogenannte analogische Korrektur ein, die die Schreibung von i und y nach c, s, z in Endungen nach grammatischen Mustern regelte. Die Sprache der Kralitzer Bibel betrachtete er als Vorbild für das Standardtschechische.

Indem Dobrovský das Tschechische des 16. Jahrhunderts kodifizierte, schloss er die Veränderungen, die sich inzwischen im gesprochenen Tschechisch Böhmens vollzogen hatten, aus der Standardsprache aus – etwa den Wandel von ý zu ej (dobrej, bejt), der in der gesprochenen Sprache bereits im 15. Jahrhundert auftritt. Deshalb bestehen Standard- und Gemeintschechisch heute nebeneinander, mit regelmäßigen Unterschieden zwischen ihnen.

Die zweite Säule der Kodifizierung der Wiedergeburt war das fünfbändige Tschechisch-deutsche Wörterbuch von Josef Jungmann (1773–1847), erschienen 1835–1839 (gelegentlich mit 1834–1839 angegeben), mit etwa 120.000 Einträgen. Jungmann schöpfte aus dem Wortschatz der Kralitzer Zeit und aus der Sprache seiner Zeitgenossen; er belebte vergessene Wörter aus alten Texten wieder, entlehnte aus anderen slawischen Sprachen und prägte neue Wörter, von denen viele Wurzeln schlugen. Zur gleichen Zeit entstand die tschechische wissenschaftliche Terminologie; Jan Svatopluk Presl etwa führte die chemischen Bezeichnungen kyslík (Sauerstoff) und vodík (Wasserstoff) ein.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts näherte sich die Schreibung der heutigen an. In den 1840er-Jahren setzte sich die sogenannte oprava skladná („folgerichtige Korrektur“) durch, die mit Pavel Josef Šafařík (1795–1861) verbunden wird: Man begann, j statt g und í statt j zu schreiben; die Drucke der Matice česká folgten ihr ab 1842. Die Schreibung v für w und ou für au, die der Museumsausschuss 1842 noch ablehnte, setzte sich erst ab 1849–1850 durch. Die Fraktur, die gebrochene Schrift der älteren Drucke, wurde allmählich durch die Antiqua ersetzt.

Grammatik und Wörterbuch der Wiedergeburt

Josef Dobrovský (1753–1829), Porträt von František Tkadlík, 1820.
Josef Dobrovský (1753–1829), Porträt von František Tkadlík, 1820. Foto: František Tkadlík, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Titelblatt des ersten Bandes (A–J) von Jungmanns Tschechisch-deutschem Wörterbuch, Prag 1835, erschienen „mit Hilfe des Böhmischen Museums“. Es ist noch in der älteren Schreibung gedruckt: Slownjk (heute Slovník), Djl (Díl).
Titelblatt des ersten Bandes (A–J) von Jungmanns Tschechisch-deutschem Wörterbuch, Prag 1835, erschienen „mit Hilfe des Böhmischen Museums“. Es ist noch in der älteren Schreibung gedruckt: Slownjk (heute Slovník), Djl (Díl). Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

Gebauer, die Regeln und der Prager Linguistenkreis

Jan Gebauer (1838–1907), Professor an der tschechischen Universität in Prag, legte die Grundlagen der historischen Grammatik des Tschechischen (Historická mluvnice jazyka českého, ab 1894) und begann das Alttschechische Wörterbuch, dessen Vollendung er nicht mehr erlebte. 1902 veröffentlichte er seine vom Ministerium für Kultus und Unterricht genehmigten Regeln der tschechischen Rechtschreibung und Formenlehre – die ersten Regeln der tschechischen Rechtschreibung. Sie enthielten eine Übersicht über die Flexion und gaben, wo zwei Formen miteinander konkurrierten, der älteren den Vorzug; außerdem schafften sie die Doppelkonsonanten in Fremdwörtern ab. Spätere Ausgaben, mit größeren Änderungen 1913, 1941, 1957 und 1993, brachten die Norm der lebendigen Sprache näher; im Lauf des 20. Jahrhunderts wurde zum Beispiel die Schreibung von Fremdwörtern schrittweise tschechisiert (gymnasium → gymnázium).

Der am 6. Oktober 1926 von Vilém Mathesius gegründete Prager Linguistenkreis brachte ein neues Verständnis der Standardsprache. In dem von Bohuslav Havránek und Miloš Weingart herausgegebenen Band Spisovná čeština a jazyková kultura („Standardtschechisch und Sprachkultur“, 1932) wandten sich seine Mitglieder gegen den damaligen Sprachpurismus, der die Richtigkeit nach der Geschichte der Wörter beurteilte und das Tschechische von echten und vermeintlichen Germanismen „reinigen“ wollte. Nach der funktionalen Auffassung ist eine Standardsprache danach zu beurteilen, wie gut sie den Aufgaben der Gegenwart dient – vom Alltagsgespräch bis zum Fachtext –, und ihre Norm soll eine „elastische Stabilität“ (Mathesius) besitzen: gefestigt, aber mit den Bedürfnissen ihrer Sprecher veränderlich. Die Kodifizierung beschreibt nach dieser Auffassung die Norm, statt sie zu schaffen. Diese Gedanken wurden zum Ausgangspunkt der tschechischen Theorie der Standardsprache.

Jan Gebauer (1838–1907), Bohemist, Verfasser der Historischen Grammatik der tschechischen Sprache und der ersten Regeln der tschechischen Rechtschreibung (1902).
Jan Gebauer (1838–1907), Bohemist, Verfasser der Historischen Grammatik der tschechischen Sprache und der ersten Regeln der tschechischen Rechtschreibung (1902). Foto: gemeinfrei, Wikimedia Commons

Standard- und Gemeintschechisch

Neben dem Standardtschechischen ist die gesprochene Alltagssprache Böhmens und des westlichen Mährens das Gemeintschechische (obecná čeština). Es ist ein nicht kodifizierter Interdialekt – eine Varietät oberhalb der einzelnen Dialekte –, der aus den Dialekten Böhmens hervorgegangen ist; nach einer verbreiteten Schätzung sprechen ihn etwa zwei Drittel der Bevölkerung der Tschechischen Republik. Vom Standard unterscheidet es sich durch regelmäßige Merkmale in Lauten und Formen, von denen viele auf das 15. Jahrhundert zurückgehen. In Mähren und Schlesien, wohin viele Veränderungen aus Böhmen nie gelangten, haben andere Interdialekte und Dialekte mehr Gewicht; seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts breiten sich gemeintschechische Merkmale jedoch auch dort aus, vor allem über die Medien.

Zwischen Standard- und Gemeintschechisch steht das umgangssprachliche Standardtschechisch (hovorová čeština), eine weniger förmliche gesprochene Form der Standardsprache (chleba, knížka gegenüber dem schriftsprachlichen chléb „Brot“, kniha „Buch“). Zusammen bilden sie eine Skala, auf der die Sprecher je nach Situation wählen. Im Lauf des 20. Jahrhunderts nahm die Standardsprache viele Merkmale der gesprochenen Sprache auf, und Wörterbücher des Standardtschechischen verzeichnen heute einige Ausdrücke, die aus dem Gemeintschechischen in die Standardsprache vordringen.

Ob die tschechische Situation eine Diglossie darstellt, ist umstritten. 1959 verwendete der amerikanische Linguist Charles Ferguson diesen Begriff für eine Gesellschaft, in der zwei deutlich verschiedene Formen einer Sprache mit streng getrennten Funktionen nebeneinander bestehen – typischerweise das Hocharabische und die arabischen Dialekte. Einige Linguisten, im tschechischen Kontext vor allem der Kreis um Petr Sgall, betrachteten die tschechische Situation als Diglossie oder als ihr nahe und schlugen vor, die Standardsprache zugunsten des mündlichen Gebrauchs zu lockern. Andere weisen darauf hin, dass Standard- und Gemeintschechisch einander sehr nahe stehen, dass die Standardsprache auch mündlich verwendet wird und dass die Varietäten allmählich ineinander übergehen, und sprechen daher nicht von Diglossie.

Kodifiziert wird das Standardtschechische heute vom Institut für tschechische Sprache der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, vor allem in den Regeln der tschechischen Rechtschreibung, im Wörterbuch des Standardtschechischen, im Wörterbuch der tschechischen Standardsprache und im Online-Sprachhandbuch. Kein Gesetz macht die Regeln als solche verbindlich. Das Bildungsministerium genehmigt sie gewöhnlich für den Gebrauch an Schulen, und die Handbücher des Instituts gelten allgemein als maßgeblich.

Standard- und Gemeintschechisch

Die häufigsten regelmäßigen Unterschiede zwischen Standard- und Gemeintschechisch. Gemeintschechische Formen sind nicht standardsprachlich, aber nicht „falsch“: Sie folgen eigenen Regeln.

StandardGemeintschechischUnterschied
dobrý · být · mlýndobrej · bejt · mlejný → ej („gut · sein · Mühle“); der Wandel tritt in der gesprochenen Sprache bereits im 15. Jahrhundert auf
mléko · létatmlíko · lítaté → í („Milch · fliegen“)
malé městomalý městoé → ý in Adjektivendungen („kleine Stadt“)
malí lidé, malé ženymalý lidi, malý ženyeine einzige Pluralendung für Adjektive („kleine Leute, kleine Frauen“)
okno · otevřítvokno · votevřítv- vor anlautendem o- („Fenster · öffnen“); in den Dialekten Böhmens seit dem 14. Jahrhundert
řekl · mohlřek · mohWegfall von -l im maskulinen Partizip Präteritum („sagte · konnte“)
s dobrými lidmis dobrejma lidmaeine einzige Endung -ma im Instrumental Plural („mit guten Leuten“)
když · jablkodyž · japkovereinfachte Konsonantengruppen („wenn · Apfel“)

Grundbegriffe

Grundlegende Begriffe der tschechischen Sprachwissenschaft und Soziolinguistik.

Standardsprache
Die feste, kodifizierte, überregionale Form einer Sprache, die in der öffentlichen und amtlichen Kommunikation verwendet wird.Standardtschechisch, Standardslowakisch
Norm und Kodifizierung
Die Norm ist die Gesamtheit der Formen, die eine Sprachgemeinschaft tatsächlich verwendet und für richtig hält; die Kodifizierung ist ihre ausdrückliche Festschreibung in Grammatiken, Wörterbüchern und Regelwerken.die Regeln der tschechischen Rechtschreibung
Digraph
Eine Gruppe von zwei oder mehr Buchstaben, die einen einzigen Laut wiedergibt.alttschech. rz für ř; heutiges ch
Diakritische Zeichen
Zeichen über oder unter Buchstaben, die deren Lautwert verändern.Háček (č), Akut (á), Kringel (ů)
Gemeintschechisch
Der nicht kodifizierte Interdialekt Böhmens und des westlichen Mährens.dobrej, mlíko, vokno
Umgangssprachliches Standardtschechisch
Die gesprochene, weniger förmliche Form der Standardsprache.chleba, knížka
Diglossie
Der parallele Gebrauch zweier deutlich verschiedener Formen einer Sprache mit getrennten Funktionen (Ferguson 1959).Hocharabisch und die arabischen Dialekte

Zeittafel

  1. frühes 13. Jh.Ein Vermerk, der der (auf 1057 datierten) Gründungsurkunde des Kapitels von Litoměřice hinzugefügt wurde, gilt gewöhnlich als ältester erhaltener tschechischer Satz.
  2. frühes 15. Jh.Der Traktat De orthographia Bohemica schlägt eine diakritische Schreibung vor; seine Verfasserschaft ist ungewiss, die Überlieferung schreibt ihn Jan Hus zu.
  3. 1533Die tschechische Grammatik von Beneš Optát, Petr Gzel und Václav Philomates erscheint im Druck.
  4. 1571Jan Blahoslav vollendet das Manuskript seiner Tschechischen Grammatik.
  5. 1579–1594Die sechsbändige Ausgabe der Kralitzer Bibel mit erläuternden Anmerkungen.
  6. 1613Die letzte Kralitzer Ausgabe, in einem Band; sie wird zum Vorbild späterer, im Exil gedruckter Ausgaben.
  7. 1627Die Verneuerte Landesordnung in Böhmen (Mähren 1628) stellt das Deutsche dem Tschechischen gleich.
  8. 1809Dobrovskýs Ausführliches Lehrgebäude der böhmischen Sprache; zweite Auflage 1819.
  9. 1817–1818Die Königinhofer und die Grünberger Handschrift tauchen auf; später wurde nachgewiesen, dass es sich um Fälschungen handelt.
  10. 1835–1839Jungmanns fünfbändiges Tschechisch-deutsches Wörterbuch.
  11. 1886In Masaryks Zeitschrift Athenaeum legt Jan Gebauer die sprachlichen Belege gegen die Handschriften dar.
  12. 1902Gebauers Regeln der tschechischen Rechtschreibung und Formenlehre, die ersten Regeln der tschechischen Rechtschreibung.
  13. 1932Der Band „Standardtschechisch und Sprachkultur“ legt die funktionale Auffassung der Standardsprache dar.
  14. 1993Die jüngste größere Überarbeitung der Regeln der tschechischen Rechtschreibung.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Arnošt Lamprecht, Dušan Šlosar, Jaroslav Bauer: Historická mluvnice češtiny. Státní pedagogické nakladatelství, 1986.
  • František Cuřín: Vývoj spisovné češtiny. Státní pedagogické nakladatelství, 1985.
  • Josef Vintr: Das Tschechische. Hauptzüge seiner Sprachstruktur in Gegenwart und Geschichte. Otto Sagner, 2001.
  • Bohuslav Havránek, Miloš Weingart (Hrsg.): Spisovná čeština a jazyková kultura. Melantrich, 1932.
  • Petr Karlík, Marek Nekula, Jana Pleskalová (Hrsg.): Encyklopedický slovník češtiny. Nakladatelství Lidové noviny, 2002.
  • Charles A. Ferguson: Diglossia. Word 15 (1959), S. 325–340.

Illustration: Atlas der Sprachen. Fotografien: Wikimedia Commons, Urheber und Lizenzen jeweils beim Bild. Text: Atlas der Sprachen, auf Grundlage der oben aufgeführten Fachliteratur.

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